Robert Frank
Filmmaker

 

Retrospektive der Filme und Videos,
Buchpräsentation

14. – 26. November 2003
Österreichisches Filmmuseum Wien

 

 

 

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Programm Überblick

 
 

 

 

 

 

 

 


Abb.

About Me: A Musical
Home Improvements

About Me: A Musical

 

 


Robert Frank — 1924 in Zürich geboren und nach einer Fotografieausbildung bereits 1947 in die USA ausgewandert — umgibt schon zu Lebzeiten die Aura einer Legende. Seit der Publikation seines berühmten Fotobuches The Americans (1958) gilt er als einer der bedeutendsten Fotokünstler. Um seine Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern und seinem Image als Starfotograf zu entkommen, begann er mit dem Filmemachen. Basierend auf dem Stück The Beat Generation von Jack Kerouac realisierte er gemeinsam mit dem Maler Alfred Lesley seinen ersten Film Pull My Daisy (1959) mit (Selbst)Darstellern wie Allen Ginsberg, Peter Orlovsky, Gregory Corso, Alice Neal, David Amram und Kerouac. Pull My Daisy wird zu einem Kult-Klassiker des Lebensgefühls der Beats und gemeinsam mit John Cassavetes’ Shadows der Beginn des New American Cinema.

Me and My Brother (1968) wurde als Portrait von Julius Orlovsky, dem an Katatonie erkrankten Bruder des Beat-Poeten Peter Orlovsky begonnen und entwickelte sich zu einem Film über das Filmemachen und seinem komplexesten Werk, im speziellen über das Ineinandergreifen von Inszenierung und Darstellung der Wirklichkeit. Das Scheitern der Macht des Mannes hinter der Kamera und die Verweigerung des Objekts bleibt auch in seinem nächsten Film Conversations in Vermont (1969) Thema. Es ist sein erster eindeutig autobiografischer Film, ein Versuch, über ältere Familienfotos eine Verbindung und Kommunikation mit seinen Kindern zu finden.

Nachdem er das Cover zu Exile on Main Street von den Rolling Stones gestaltet hatte, gab ihm die Band den Auftrag für den Film Cocksucker Blues (1972), der ihre Tournee durch die Vereinigten Staaten im gleichen Jahr dokumentiert. Auch dieser Film wird zum Mythos, da er — wie es heisst — nur einmal pro Jahr in Anwesenheit des Regisseurs gezeigt werden darf.

Die Suche nach künstlerischem Ausdruck und die Befragung der Bilder nach ihren vielfältigen Bedeutungen sind Bestandteil des künstlerischen Werkes von Robert Frank. Er integriert und artikuliert diese Suche besonders in seinen Filmen und Videos und reflektiert nicht nur seine Rolle als Künstler und Illusionist, sondern zunehmend auch die als privates Subjekt, als Ehemann, Freund und Vater, der an seiner Erziehung zweifelt und den Verlust seiner Kinder erleiden muss. Seine Tochter Andrea stirbt bei einem Flugzeugabsturz, sein Sohn Pablo nimmt sich nach einigen Aufenthalten in der Psychiatrie das Leben. Der Anspruch mittels seiner Kunst, etwas über das eigene Leben freizulegen, bedingt für Robert Frank eine formale Radikalität: Autobiografisches mischt sich mit Fiktionalem und Dokumentarischem. Er erneuert seine autobiografischen Methoden immer wieder und befragt zunehmend mit den Filmen auch seine Fotos als Zeugnisse der Vergangenheit. Nicht nur seine bekannteren Videos Home Improvements (1985), Moving Pictures (1994) und The Present (1996) sind fragmentarische filmische Tagebücher, in denen Robert Frank die Intimität der Videokamera für seine Suche nach Bildern, die sein Inneres spiegeln, vorzieht.

In Franks vielschichtigem Oeuvre finden sich darüber hinaus die Road-movies Candy Mountain (1987) und Hunter (1989), autobiografische Fiktionalisierungen wie About Me: A Musical (1969) und Last Supper (1992), Musikvideos für New Order und Patti Smith als auch Dokumentarfilme wie Liferaft Earth (1969), This Song for Jack (1985), San Yu (2000) und Paper Route (2002).

Die Retrospektive bietet die Möglichkeit — nach der Premiere in Graz, nun auch in Wien — alle 25 Filme und Videos Robert Franks aus dem Zeitraum 1959 bis 2002 zu sehen. Im Rahmen der Diagonale-Specials von Graz Kulturhauptstadt Europas 2003 wurde im September das erste Buch publiziert, das sich eingehend der Beschreibung und Analyse seiner bewegten Bilder widmet und seine Entwicklung vom Filmemacher der Beat Generation zum autobiografischen Essayisten nachzeichnet. In frank films schreibt der Co-Herausgeber Stefan Grissemann über den Künstler: „Robert Frank hat sich immer nur einem gestellt: sich selbst. Davon erzählt sein Werk, das filmische mehr noch als das fotografische. Franks Film- und Videoarbeit ist unbemerkt von der Welt zu einem stattlichen, vielschichtigen Werk herangewachsen: eine Arbeit, die jenseits von Moden und Schulen verrichtet wurde, die buchstäblich aus sich und für sich selbst gewachsen ist und schon deswegen so singulär, so unverwechselbar anmutet."

 

Brigitta Burger-Utzer

 

 

 

 


 

Programm Überblick

 


18.30 20.30
 
14.11.
01
Pull My Daisy

The Sin of Jesus
OK Ende Here

Eröffnung
Home Improvements
The Present
Paper Route

   
15.11.

02
Me and My Brother

   
16.11.
03
Conversation in Vermont
Liferaft Earth
About Me: A Musical
   
17.11.
04
Cocksucker Blues
05
Keep Busy
Life Dances On...
Energy and How to Get it
   
18.11.
06
This song for Jack
Home Improvements
Hunter
07
Candy Mountain
   
19.11.

08
Run
C'est vrai! (One Hour)

09
Last Souper
Muving Pictures
Flamingo
Sommer Cannibals

   
20.11.

10
The Present
What I Remember...
San Yu
Paper Route

   
24.11.
01
Pull My Daisy

The Sin of Jesus
OK Ende Here
   
25.11.
02
Me and My Brother

Buchpräsentation


Kartenreservierung

Credits
 
26.11.
07
Candy Mountain

Abschluss
Conversation in Vermont
Life Dances On...
Muving Pictures

 

 

 

 

 

 

E

 


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FR 14. 11. 20.30 H

Eröffnungsprogramm und Buchpräsentation

 

Eröffnungsfilme:
Home Improvements
The Present
Paper Route

 

Am Eröffnungsabend stellen die beiden HerausgeberInnen
Brigitta Burger-Utzer und Stefan Grissemann ihr Buch
frank films – the film and video work of robert frank vor.

 

 

frank films
the film and video work of robert frank


Herausgegeben von Brigitta Burger-Utzer, Stefan Grissemann
Erschienen im Scalo Verlag, Zürich
Mit Texten von:
Michael Barchet, Philip Brookman, Stefan Grissemann, Kent Jones,
Thomas Mießgang, Pia Neumann, Bert Rebhandl, Amy Taubin, u. a.

Zu beziehen im Buchhandel
oder bei sixpackfilm
Neubaugasse 45/13, A-1071 Wien
office@sixpackfilm.com



 


 

 

 

 

01

 

 

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FR 14. 11. 18.30 H

MO 24. 11. 20.30 H

Pull My Daisy

 

USA 1959, 16mm, s/w, 28 Min.
(engl. OF m. dt. UT).
Regie: Robert Frank, Alfred Leslie.

 

Der Einstieg ist Legende: Mit den schönen Worten "Early morning in the universe" leitet die melodische Stimme Jack Kerouacs Pull My Daisy ein, Franks bekanntesten Film, in Co-Regie realisiert mit dem Künstler Alfred Leslie. Basierend auf einer poetischen Tour de force Kerouacs, der hier — in einer veritablen verbal jazz performance — aus dem Off spricht, singt, heult, vollzieht sich Pull My Daisy als Innenansicht des New Yorker Bohemien-Lebensstils und des Selbstverständnisses der Beatniks, Ende der fünfziger Jahre in der Lower East Side, Manhattan.

Die Protagonisten des Films, die Dichter, Dichterfamilien und Dichterfreunde, halten sich im Inneren auf, verschanzt im Privaten, halb verschluckt vom Rauch ihrer Zigaretten, im Dunstkreis von Bier und Poesie: Beatniks (das kann man hier lernen) sind Innenraummenschen, living room people, Pendler zwischen Clubs und Schlafzimmern und Bars und Stiegenhäusern. Pull My Daisy — ein home movie in jedem, auch im besten Sinn des Wortes — hält sich daher programmatisch im Inneren auf: im Inneren seiner Figuren, für die und von denen der Film spricht; und im Inneren der Räume, die diese Figuren beleben. (StG)



 

 

 

 

 

01

 


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FR 14. 11. 18.30 H

MO 24. 11. 20.30 H

The Sin of Jesus

 

USA 1961, 35mm, s/w, 37 Minuten. (engl. OF).
Regie: Robert Frank

 

Als Vorlage diente Frank eine Erzählung des russischen Schriftstllers Isaac Babel. Es ist die Geschichte des Mädchens Arina. Ihr Liebhaber, der sie schwängerte, muss für vier Jahre in die Armee und verlässt sie brutal. Deswegen wendet sich das Mädchen an Jesus, um zu fragen, was mit ihr geschehen soll. Jesus gibt ihr den Engelsjüngling André, den aber die leidenschaftliche Arina in der ersten Nacht erdrückt. Als sie deshalb wiederum vor Christus steht, verweist sie dieser aus dem Himmel. Als die Stunde der Geburt kommt, ruft sie noch einmal Christus an. Dieser erbarmt sich ihrer und bittet sie um Verzeihung, die jedoch Arina nicht gewährt. (HL)

Der Jazz bleibt Robert Franks Arbeit vorerst erhalten, und dabei verfestigt sich der Eindruck des Introvertierten: Die Musik Morton Feldmans begleitet, sehr leise, diese Chronik eines Sündenfalls Jesu. Ein sanfter Ton durchdringt den Film, der, was er zu zeigen hat, nicht schön, aber eigenartig weich abbildet: die Tiere, die Landschaft, die Menschen. Auch wenn Isaac Babels Kurzgeschichte der Kategorie magischer Realismus zugeordnet worden ist, so hält sich Frank doch weniger ans Magische als an den Realismus. (StG)

 



 

 

 

 

 

01

 


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FR 14. 11. 18.30 H

MO 24. 11. 20.30 H

OK End Here

 

USA 1963, 35mm, s/w, 32 Minuten. (engl. OF).
Regie: Robert Frank

 

Sonntagsstimmung. Ein junges bürgerliches Paar schlägt sich die Zeit tot mit ziellosen Handlungen, gelangweilt voneinander und von seiner Umgebung. Gesten und Bewegungen, die ins Leere laufen. Sprachlosigkeit. Bemühungen, die herrschende Kluft zu überbrücken um dann aber doch sogleich wieder auseinanderzudriften. Sie: "Talk with me." Er: "When a woman says to a man: Talk with me, it’s like saying: Do you still love me?"

Robert Franks Kurzfilm über den Stillstand in einer modernen Beziehung aus dem Jahr 1963 oszilliert zwischen streng formal komponierten Einstellungen und semidokumentarischen Aufnahmen. Im Appartement pendelt der Kamerablick zwischen den beiden Hauptfiguren, die sich — ähnlich wie bei Antonioni — oft nur angeschnitten, meist am jeweils äußersten Rand des Bildes befinden, räumlich voneinander getrennt durch Wände, Türen, Spiegelungen oder Wohnungsinventar. So wie sich die Protagonisten eher halt- und absichtslos durch den Tag gehen lassen, bewegt sich auch die Kamera durch deren Welt. Mitunter verlässt sie die Personen, um den Raum zu durchmessen oder über Möbel und Gegenstände zu streifen, ein vagabundierender Blick, der sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren scheint, aber damit die herrschende Atmosphäre von Gewohnheit, Entfremdung und Teilnahmslosigkeit einfängt. (IH+GW)

 

 



 

 

 

 

 

02

 


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SA 15. 11. 20.45 H

SO 25. 11. 18.30 H

Me and My Brother

 

USA 1965 —1968, 35mm, Farbe & s/w, 85 Minuten.
(engl. OF).
Regie: Robert Frank

 

Me and My Brother ist Franks komplexester Film und eines seiner Hauptwerke. Er begann das Projekt als ein Portrait über Julius Orlovsky, den katatonischen Bruder von Peter Orlovsky, aber bald entwickelte es sich zu einem weit größeren Projekt über die Natur der Geisteskrankheit und die Reaktion der amerikanischen Gesellschaft darauf. Zu den Problemen, die einer einheitlichen Struktur im Wege standen, zählte Franks Hang, die echten Orlovsky Brüder zum „Schaupielern" zu nötigen, was ihn mitten im Film dazu zwang, echte Schauspieler einzusetzen; das Beharren eines Sponsors, Frank solle in Farbe drehen; der völlig unregelmäßige Drehplan, der sich über drei Jahre zog; Franks im Schnittraum getroffene Entscheidung, die Realitätsebenen durch die Betonung der Struktur des Films-im-Film zu vervielfachen. Also handelt Me and My Brother ebenso sehr von der Natur des Filmemachens wie von Julius Orlovsky. Franks Eröffnungskommentar, der wie ein feierlich vorgetragener Eid über ein Bild der Bibel gedruckt ist, liest sich: „Alle Ereignisse und Personen in diesem Film sind real. Was auch immer irreal ist, ist nur meine Phantasie."

Der Film beginnt mit einer fiktiven Szene über die Produktion eines homosexuellen Pornofilms, in der Peter und der Regisseur versuchen, Julius zum Mitmachen zu bewegen. Julius für seinen Teil starrt auf Wände. In tragischer Weise nehmen diese Szenen den Widerstand seines Sohnes gegen die wissbegierige Kamera seines Vaters in den späteren autobiografischen Filmen vorweg. Andererseits verdeutlicht die letzte Szene des Films, warum Julius sich weigert, mit der Kamera, die ihn anblickt, zu kooperieren: „Die Kamera erscheint wie eine Reflexion der Missbilligung oder des Ekels oder der Enttäuschung oder der fehlenden Hilfsbereitschaft oder der Unerklärlichkeit ... irgendeine möglicherweise existente tatsächliche Wahrheit zu enthüllen." (JCH)

Me and My Brother untersucht die Ethik (und die Effektivität) von Franks voyeuristischen Versuchen, die Gründe für Julius’ rätselhaftes Verhalten aufzudecken. Obwohl es Franks ursprüngliche Absicht war, Julius in einem direkten dokumentarischen Stil zu zeigen, erkannte er, dass diese Form nicht genügen würde, um sein sich entwickelndes Verständnis für Julius’ Zustand darzustellen. So wie Julius gegen Ende des Films immer gesprächiger und bewusster wird, lässt auch Frank seine eigene Verwirrung hinter sich. Er versteht die Grenzen seines Versuches, die Wahrheit zu suchen, besser. „Wo existiert die Wahrheit?", fragt Frank Julius als Reaktion auf dessen Aussage am Ende des Films. „Innerhalb und außerhalb der Welt", antwortet er. „Außerhalb der Welt ist ... nun, ich weiß es nicht." (NGAW)

 

 

 



 

 

 

 

 

03 A

 


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SO 16. 11. 20.30 H

MI 26. 11. 20.30 H

Conversations in Vermont

 

USA 1969, 16mm, s/w, 26 Min.
(engl. OF).
Regie: Robert Frank

 

Robert Frank sucht seine Kinder Pablo und Andrea auf, die auf dem Land leben und dort zur Schule gehen, in der Gruppe einen Hof bewirtschaften und gemeinsam "Jubilate Deo" singen. Der Vater präsentiert ihnen Fotografien aus ihrer Kindheit und fordert sie auf, sich darin wiederzuerkennen. "I don’t remember any of those pictures", sagt Pablo, und gibt damit zum Ausdruck, dass er nicht daran interessiert ist, diese Bilder zum Sprechen zu bringen. Das Familienalbum bleibt stumm, weil es nur mit der Stimme des Vaters spricht. (BR)

 

 



 

 

 

 

 

03

 


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SO 16. 11. 20.30 H

Liferaft Earth

 

USA 1969, 16mm, Farbe & s/w, 37 Minuten. (engl. OF) Regie & Kamera: Robert Frank

 

1969 fastete eine Gruppe von Menschen auf einem Parkplatz in Hayward, Kalifornien, um das Problem des Welthungers und der Unterernährung zu dramatisieren. Liferaft Earth zeigt sehr lebendig den Idealismus, der damals möglich war. 25 Jahre später sehen wir den politischen Aktivismus der späten 1960er meist destilliert durch die Mainstream Medien. Diese Aufnahmen aus der „Zeitkapsel" betonen im Fernsehen manchmal den Hedonismus, die Mode und das Seltsame an der Politik der jungen „Hippies". Was einst ernsthafte politische Positionen waren, wird im Rückblick auf eine Reihe allgemeiner Prinzipien reduziert. In seiner Erzählung bringt Frank wiederholt seine tiefe Bewunderung für den Charakter der Demonstranten zum Ausdruck. (NGAW)

 

 



 

 

 

 

 

03

 


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SO 16. 11. 20.30 H

About Me: A Musical

 

USA 1971, 16mm, s/w, 30 Minuten. (engl. OF). Regie & Buch: Robert Frank

 

Als wir anfänglich Szenen von Musikern in Benares und New York sehen, erklärt Frank in einem Voice-Over den Zweck des Films: „Mein Projekt war es, einen Film über Musik in Amerika zu machen. Nun — scheiss auf die Musik. Ich habe einfach beschlossen, einen Film über mich zu machen."

Teils autobiografische Dramatisierung, teils musikalischer Dokumentarfilm, sehen wir das alltägliche Musizieren als einen Ausdruck der Persönlichkeit: eine intuitive, emotionale Geste der Selbstbehauptung. Gleichermaßen zeigt die Erklärung seines eigenen Lebens und seiner künstlerischen Entwicklung, wie er darum kämpft, seine Kunst zu verändern, seinem Ruf zu entgehen und Wiederholung zu vermeiden.

„Und das ist die junge Frau, die mich spielt", sagt Frank im Voice-Over, als er die junge Schauspielerin Lynn Reyner vorstellt. Indem er eine Stellvertreterin auswählt, erlaubt Frank es sich im wahrsten Sinne des Wortes einen Film über sich selbst zu machen und gleichzeitig auf beiden Seiten der Kamera zu sein. Diese Entscheidung demonstriert auch, dass der Film eine Proklamation filmischer Freiheit ist. (NGAW)

 

 

 



 

 

 

 

 

04

 


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MO 17. 11. 18.30 H

Cocksucker Blues

 

USA 1972, 16mm, Farbe & s/w, 90 Minuten. (engl. OF). Regie: Robert Frank

 

Als er 1972 den Auftrag bekam, die Amerika-Tour der Rolling Stones zu dokumentieren, hatte die Befreiungstheologie der Beats längst abgewirtschaftet. Sie war durch Transformationen gegangen: durch die Flower-Power-Ideologie der Hippies, die Acid Tests von Ken Kesey, die Schlammfeste von Woodstock. Und sie hatte in Altamont von jenem ""Spirit of Evil" gekostet, der der euphorischen Energie der Entgrenzung „das heilige Nichts der unerschaffenen Leere" (Kerouac) entgegenstellte. Die Rolling Stones, die in Altamont zusehen mussten, wie ein Mann vor der Bühne erstochen wurde, waren die doppelköpfigen Priester von Ekstase und Vernichtung, sie kreisten in ihrer eigenen Umlaufbahn: „Ich kam mir vor wie in einem Raumschiff", sagte Robert Frank einmal. „Ich dachte, die Stones seien normale Leute. Doch ich fand schnell heraus, dass sie nicht dieselbe Luft atmen wie wir anderen. Sie reisen in dünner Luft und sie ziehen dich in ihrem Sog mit."

Cocksucker Blues, der Film, der die Tour dokumentiert, ist berühmt und berüchtigt geworden: Er zeigt Partyrausch und sexuelle Freizügigkeit, vor allem in der Entourage der Band, er kontrastiert zenbuddhistisches Geschwafel mit der Heroinnadel, die Hysterie der Fans mit dem Ennui im Backstagebereich. Die Anwälte der Rolling Stones verboten die öffentliche Aufführung von Cocksucker Blues, weil er die Gruppe in einem zu schlechten Licht zeige. So wurde durch den Entzug der Bilder ein überdimensionaler Mythos geschaffen, dem das Werk selbst nicht standhalten kann. Robert Frank hat den Skandalwert seiner Doku immer heruntergespielt: „Ich habe während der ganzen Tour keine einzige Orgie gesehen. Es sei denn, Sie bezeichnen ein Mädchen, das von zwei Typen gevögelt wird, als Orgie."

Bemerkenswert ist nicht die Chronik vorgeblicher Exzesse, sondern viel eher, wie wenig dieser Film, der die inhaltliche und zeitliche Mitte zwischen Pull My Daisy und Candy Mountain markiert, in seinem inneren Design von den übrigen Arbeiten Franks abweicht: Man findet die nomadisierende Kamera, die, wie auch in About Me: A Musical oder dem Musikvideo zu Patti Smiths ""Summer Cannibals", ihre Protagonisten immer wieder verliert und sich der Intuition eines zweckfreien Dérive überlässt. Man verirrt sich im akustischen Labyrinth einer nach komplexen Schaltplänen gefertigten Klang-Partitur, die Stimmengewirr, Konversationsfetzen, den Lärm startender Flugzeuge und brutal zerhackte Teilkörper von Stones-Songs zu einer Art Brut verdichtet. (TM)

 


 

 

 

 

 

05

 


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MO 17. 11. 20.30 H

Keep Busy

 

CAN 1975, 16mm, s/w, 38 Minuten. (engl. OF).
Regie: Robert Frank, Rudy Wurlitzer

 

Franks vielleicht abstraktestes und kopflastigstes Projekt, wurde 1975 in Neuschottland zusammen mit dem Schriftsteller Rudy Wurlitzer gedreht. Keep Busy handelt von der Politik zwischenmenschlicher Beziehungen, von Isolation und Überleben. Er vertraut stark auf sprachliche Manipulation und Kadenz, um eine Geschichte über Ordnung und hierarchische Strukturen zu erzählen, die das Leben der kleinen Gruppe von Einwohnern auf einer abgelegenen Insel vor der Küste von Cape Breton bestimmen. (JH)

 

 



 

 

 

 

 

05A

 


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MO 17. 11. 20.30 H

MI 26. 11. 20.30 H

Life Dances On...

 

USA 1980, 16 mm, Farbe & s/w, 30 Minuten. (engl. OF). Regie: Robert Frank

 

"In memory of my daughter Andrea", steht in Life Dances On zu lesen — und ihre knappe Lebenszeit: 1954-1974. Die Erinnerung an Andrea (und nebenbei auch an Danny Seymour) steht über dem Film, aber Frank sucht zunächst doch wieder das Gegenwärtige: eine Konversation mit seinem Sohn Pablo. Warum er das Leben nicht genießen könne, fragt ihn sein Vater. Pablo antwortet, indirekt, mit einem Wunsch. Er wolle den Mars erkunden, denn er schätze die Schwerkraft der Erde nicht. (StG)

Ohne klar ersichtlichen Anfang oder Ende erscheint der Film wie ein Stück Leben, das aus seinen intimen Beobachtungen herausgeschnitten wurde. Frank kombiniert Details kaum mit Referenzen auf ihre Kontinuität, er zeigt einfach das Vergehen der Zeit und dessen minuziöse Auswirkungen, gefärbt von der Bewegung des Filmes selbst. „Ich habe Nova Scotia mit der Kamera bereist", sagte Robert Frank. „Ich bin von links nach rechts gezogen, bei Regen, Hagel und bei Sturm, und ich habe vor, das irgendwie zu verwenden. Es geht nicht um die schöne Aufnahme, für mich zeigt sie nur den Fluss der Zeit." (PB)

 

 

 



 

 

 

 

 

05

 


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MO 17. 11. 20.30 H

Energy and How to Get It

 

USA 1981, 16mm, s/w, 30 Minuten. (engl. OF). Regie: Robert Frank, Rudy Wurlitzer, Gary Hill

 

Dieser Film von Robert Frank, dem Autor Rudy Wurlitzer und dem Filmemacher Gary Hill, beschreibt die Vision und die Verfolgung des Erfinders Robert Golka. Sein Projekt Tesla, das in einem großen Lagerhaus in Wendover, Utah untergebracht ist, ist ein Versuch, eine neue, sauberere Energiequelle aus der atomaren Fusion zu erschaffen. Idealistisch, exzentrisch, mit einem Ziel, das vielleicht mehr ein Traum als eine potentielle Realität ist, kämpft Golka gegen Windmühlen an, kämpft mit seiner mangelnden Finanzierung und den unsichtbaren Kräften, die sich seinen Anstrengungen in den Weg stellen.

Zwei Musiker, Dr. John und Libby Titus, tauchen immer wieder auf, um Golka und seine „verrückte Vision" zu verteidigen und im Soundtrack singen sie ein Lied, das sie für ihn geschrieben haben. Frank, Wurlitzer und Hill interessiert Golka und sein Experiment weniger in wissenschaftlicher Hinsicht als deshalb, weil sie ihn als einen „kleinen Mann" sehen, „der große Ideen hat." Sie haben diese fiktionalen Zwischenspiele konstruiert, um die Entfremdung des Erfinders von der Gesellschaft und der Realität zu betonen. Es ist, als ob seine Ambitionen, seine Exzentrizität und Paranoia hinsichtlich der Versuche, seine Experimente abzuwürgen, ihn so in Konflikt mit der wirklichen Welt bringen, dass ein reiner Dokumentarfilm seiner Geschichte nicht genügen würde. (NGAW)

 

 


 

 

 

 

 

06

 


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DI 18. 11. 18.30 H

This Song for Jack

 

USA 1983, 16mm, s/w, 26 Minuten. (engl. OF). Regie & Kamera: Robert Frank

 

Eine Gruppe von Leuten findet sich, in memoriam Jack Kerouac, in einem einsamen Haus irgendwo in Boulder, Colorado ein, um zu plaudern, einander wiederzusehen, sich zu erinnern: eine beat congregation, die 1982, aus Anlass des 25jährigen Jubiläums der Publikation von Kerouacs ""On the Road", über das poetische Erbe ihrer Bewegung nachdenkt. (StG)

Die Teilnehmer, großteils alte Freunde und Bekannte von Kerouac, unterhalten sich über ihre derzeitigen Unternehmungen, schwelgen in Erinnerungen, lesen Gedichte und schlendern gelegentlich von der Veranda, um in der Nähe ein Presseinterview zu geben. So wie Kerouac normalerweise über seine direkten Erfahrungen schrieb, macht Frank dasselbe in seinem Film, er macht seinen eigenen Platz in der Veranstaltung deutlich und zeigt die jetzt älteren Beatniks, konzentriert sich auf die Details ihrer Handlungen und den Humor in ihren Geschichten. Franks Darstellung seiner Freunde bei der Konferenz spricht — ohne wertend zu sein — ihre Sterblichkeit an und das Gefühl von in der Vergangenheit gelebten Leben, auf die man sich in einem arrangierten Treffen wieder besinnt. (NGAW)

 

 

 


 

 

 

 

 

06E

 


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FR 14. 11. 20.30 H

DI 18. 11. 18.30 H

Home Improvements

 

USA 1985, Video, Farbe, 29 Minuten. (engl. OF). Regie: Robert Frank

 

Franks erstes Video, geschnitten aus Material, das zwischen November 1983 und März 1984 in Mabou in Nova Scotia und New York gedreht wurde. Man kann es zwar als eine Art von Sammelalbum mit bewegten Bildern sehen, aber es ist vielleicht eher ein visuelles Tagebuch voller privater Details, emotionaler Ausdruckskraft und individueller Beobachtungen, die die Anliegen eines alternden Familienmenschen und Künstlers enthüllen. (NGAW)

 

 

 

 


 

 

 

 

 

06

 


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DI 18. 11. 18.30 H

Hunter

 

D 1989, 16mm, Farbe & s/w, 37 Minuten. (engl., dt. OF). Regie: Robert Frank

 

Stephan Balint, der Darsteller des Hunter und zugleich der Autor des Films, fungiert als Medium dieses Films. Er ist derjenige, durch den hindurch wir die Stationen dieses Travelogues durch das Ruhrgebiet erleben. Er spricht nur amerikanisch, und das mit ausgeprägtem osteuropäischen Akzent.

Hunter ist ein Spiel um Fremdheit und den Versuch um deren Überwindung. Oder: wie Fremdheit Einblicke und Erfahrungen ermöglicht, die anders verschlossen blieben: Kontrolliert scheiternde Kommunikation. Bei vielen Begegnungen, die von einem absurden Überschuss an Sprachbarrieren, gegenseitigem Auflaufen und Missverständnissen gekennzeichnet sind, lässt sich nicht ausmachen, ob sie verunglückte Passanten-Interviews oder tollkühne Spielszenen, ob sie eingefangen oder aufgeführt sind. Hunter ist ein komischer Film, dabei allerdings auch durchzogen von einer wunderbar schwebenden Tristesse — wie der Nachklang bei einem sehr guten Wein. (RE)

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

07

 


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DI 18. 11. 20.30 H

MI 26. 11. 20.30 H

Candy Mountain

 

CH/F/CAN 1987, 35mm, Farbe, 91 Minuten. (engl. OF m. dt. UT). Regie: Robert Frank, Rudy Wurlitzer

 

Candy Mountain ist eine moderne Odyssee, die Suche des jungen, erfolglosen Musikers Julius nach dem legendären Elmore Silk, den die Branche als den größten Gitarrenbauer aller Zeiten bezeichnet und der schon seit vielen Jahren aus New York verschwunden ist. Als er sich auf die Reise begibt, hat er einen Vertrag in der Tasche, diesen eigensinnigen Künstler für einige tausend Dollar zu finden, der geflohen ist, um seine Integrität zu behalten. Elmore Silk hat in seinem Bedürfnis nach Rückzug in den hohen Norden mit Robert Frank einiges gemeinsam, der von sich sagt, er wohne in Mabou "at the end of the road". Und so entfalten auch die Landschaften und Räume dieses Road-movies eine für einen kommerziell angelegten Film ungewohnte Dichte und Breite. Robert Frank: "Candy is an American film. It’ s about America and the way the Americans deal with each other. The music is American as well. The whole film has a lot to do with me as a young man coming to New York and with me as an old man leaving New York."

Während der Reise wird Julius andauernd ausgenommen, denn die Leute, die er trifft, verlangen ihren Preis für Informationen. Seine Freundin verlässt ihn und nimmt ihr Auto mit. Elmore’s reicher Bruder nimmt die Hälfte von Julius’ knappen Spesengeld für einen alten Thunderbird und die Adresse von Elmores Tochter. Und so kommt er schließlich völlig abgebrannt und ohne Auto nach Kanada, wo die Gegend endlich weiter und die Leute freundlicher werden. Alleine, er kommt zu spat, längst ist Elmore nicht mehr an Ruhm und Ehre interessiert und auch nicht an der Bewunderung des jungen Musikers. Er braucht Geld und will nicht wiederentdeckt werden, daher unterschreibt er schnell mit einer japanischen Händlerin für einige wenige Gitarren, den Rest der kostbaren Instrumente muss er zerstören. Beim furiosen Verbrennungsakt meint Julius: "The whole deal went up in flames", und scheint sich mit dem Scheitern seines Auftrags versöhnt zu haben. Die erzählerische Linie wird getragen von der Musik, sie teilt die Geschichte in Fragmente, die Auftritte reichen von Joe Strummer and Arto Lindsays Rock Urban Punk bis zu den humorvollen Songs von Tom Waits und Leon Redbone.

Candy Mountain ist ein Road-movie der unaufgeregten Art, erfreulich selten erfüllt Kevin O’Connor das Klischee eines Mannes on the road. Die Mythen des Genres haben ihr Heldentum eingebüßt, aber ihre kathartische Wirkung behalten: "Life ain’t no Candy Mountain, you know". (BBU)

 

 


 

 

 

 

 

08

 


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MI 19. 11. 18.30 H

Run/New Order

 

USA 1989, Video, Farbe & s/w, 3:30 Minuten. Regie & Kamera: Robert Frank

 

Für die britische Band New Order gestaltet Robert Frank 1989 einen Clip zu dem Song "Run" — und er führt den Auftrag aus, als hasste er ihn, wie einer, der verzweifelt einen Weg sucht, Bilder und Montagen einzusetzen, die im Feld der Videoclips nicht tauglich sind. Das ist keine einfache Aufgabe, denn gerade in dem Genre ist bekanntlich fast alles möglich. Frank findet dennoch eine Lösung: Das einzige, was die Popbranche kategorisch verbietet, ist das Unmodische. Genau dies aber scheint Frank hier zu suchen: Er konfrontiert eine bewusst nachlässig inszenierte Straßenszene, in der ein grüblerischer älterer Mann höhnisch zu lachen beginnt (vermutlich über sich selbst), mit wenig charismatischen Stand- und Live-Bildern der Band sowie Aufnahmen einer Gruppe anonymer Menschen. (StG)

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

08

 


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MI 19. 11. 18.30 H

C’est vrai! (One Hour)

 

F 1990, Video, Farbe, 60 Minuten.
(engl. OF).
Regie: Robert Frank

 

C’est vrai! ist ein komplexer und spielerischer Versuch, den Begriff der filmischen Wahrheit zu thematisieren. Robert Frank drehte diese einstündige Aufnahme am 26. Juli 1990 von 3:45 bis 4:45 Uhr nachmittags in Manhattan. Er filmte in einer Umgebung, die er kannte: die Nachbarschaft um sein Haus in der Bleecker Street. Das Team macht sich in einem Souterrain fertig, um mit dem Drehen zu beginnen. Die Kamera schweift unentschlossen durch die Straße, bleibt bei zwei Touristen hängen, die nach dem Weg fragen, steigt schließlich in den Van und die Fahrt um einige Häuserblöcke geht los. Man bleibt stehen, belauscht das Gespräch zweier Frauen im Lokal, auf der Straße, Peter Orlovsky als ziemlich überdrehter Kumpel steigt zu und reisst die Aufmerksamkeit an sich,... es wird dunkel, die Kamera fällt kurz aus und damit ist das streng strukturalistische Konzept einer durchgehenden einstündigen Plansequenz für C’est vrai! gescheitert, oder ist auch diese Sequenz Teil des Drehbuchs gewesen? (BBU)

 


 

 

 

 

 

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MI 19. 11. 20.30 H

Last Supper

 

CH/GB 1992, 16mm, Farbe, 50 Minuten. (engl. OF m.dt. UT). Regie: Robert Frank

 

Der Film erzählt die Geschichte von Bobby, einem bekannten Schriftsteller, der seine Freunde zu einer Signierstunde seines neuesten Buches einlädt. Jeder hat eine andere Vorstellung von dem Schriftsteller, die er zur Party mitbringt. Bobby jedoch trifft niemals ein. Seine Anwesenheit ist nur mittelbar. (...) In Last Supper malt der Autor sein eigenes Selbstportrait, indem er andere nach ihren Eindrücken fragt. Die Figuren in Last Supper sondieren gegenseitig ihr persönliches Wissen über den Künstler. Erst die Kombination ihrer Erfahrungen macht sein Wesen greifbar.

Franks Drehbuch für Last Supper entwickelte sich aus einem komplexen, vielschichtigen Prozess der Selbstenthüllung. „Es fängt an, wie alles andere auch. Du stehst am Morgen auf und beschließt, nach etwas zu suchen", sagte er. „Ich dachte nach über das, was ich erreicht hatte und wie ich es empfand. Ich schrieb über meine Gefühle für die Menschen, die ich kennengelernt habe — eine sehr persönliche Sache." (PB)

 


 

 

 

 

 

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MI 19. 11. 20.30 H

MI 26. 11. 20.30 H

Moving Pictures

 

USA 1994, Video, Farbe & sw, stumm, 16:30 Minuten.
Regie & Kamera: Robert Frank

 

Der Film beginnt auf dem Friedhof von Zürich, wo die Eltern von Robert Frank beerdigt sind. An jenem Sonntag im Februar 1990 steht der Cineast hinter dem grossen Grabstein. Er sieht 13 Besucher vorbeiziehen und schreibt auf die Leinwand dieses Stummfilmes: "That’s not many, that makes me sad". (...) Robert Frank zeigt Fotos (der Familie und des „grossen Kinos" — man erkennt Peter Lorre), Szenen aus dem wirklichen Leben: Jean-Luc Godard plaudert über die Geschichte des Kinos, Allen Ginsberg deckt den Raum mit seinen Händen ab. (...)

Zweifellos ist jedoch die improvisierte Virtuosität der Kamera am Auffallendsten. Vom Rand, von der Tiefe und von Bewegungen in allen Richtungen aus setzt Robert Frank eine Geografie der Bilder zusammen, mit der er die Archäologie seiner auf der Lauer liegenden Erinnerung zusammenbaut. Einige Worte beschreiben den Zustand: "Today memory creeps along the wall at 7 Bleecker — in the back of my eyes longings and obsessions." (JP)

 


 

 

 

 

 

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MI 19. 11. 20.30 H

Flamingo

 

CAN 1996, Video, s/w, 5 Minuten. (engl. OF). Regie & Kamera: Robert Frank

 

Ein Haus, hoch über dem Meer; ein Lichtstrahl, der auf alte Fotografien fällt; eine Stimme, die das Sichtbare benennt: Flamingo ist eng verwandt mit What I Remember from my Visit (with Stieglitz) und verläuft doch gänzlich anders, denn Frank selbst ist nur flüchtig anwesend in dieser schwarzweiss gehaltenen Notiz über die elementaren Strukturen der Behausung.

Frank fusioniert, wie gewohnt, wieder die Fotografie mit dem Filmischen, zeigt eine kleine Dia-Projektionswand, geht Fotos von Landschaften, Tieren, Dingen durch — Reste einer Erinnerung, durch die Kunst unterstützt. Miranda Dali liest im Off einen lyrischen, bisweilen deskriptiven Text vor, der der einzige Ton dieser Produktion bleiben wird. Wenn die Erzählerin schweigt, sind die Bilder auf sich allein gestellt. "OK we’re done", heißt es am Ende. Und: "Paint it black". Ein Mann beginnt, das Haus schwarz anzustreichen. Am Ende steht es dunkel in offenem, weitem Land. (StG)

 


 

 

 

 

 

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MI 19. 11. 20.30 H

Summer Cannibals (Patti Smith)

 

USA 1996, 35mm (Video), s/w,
5 Minuten.
Regie: Robert Frank

 

Es wäre der ideale Stoff für einen Horrorclip, aber Robert Franks lichter, energetischer Kurzfilm zu Summer Cannibals versagt sich naheliegende illustrative Bilder, so sie nicht zu Patti Smiths Selbstinszenierung vor der Kamera gehören: Zur Zeile "The viscous air / Pressed against my face" etwa drückt sie sich theatralisch die Hände ans Gesicht, am Höhepunkt ihres Lieds; nachdem sie mit einem rollenden, gutturalen "Eat!"-Schrei zum peitschenden Refrain überleitet, beißt sie sich in die Armbeuge. Summer Cannibals bedient sich einer typischen, eigentlich banalen Musikvideo-Situation — Smith und Band tun in einem spärlich dekorierten Zimmer so, als gäben sie ein Konzert —, seltsamerweise besitzt Franks Film aber eine Aura des Unerklärlichen. (CH)

 


 

 

 

 

 

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FR 14. 11. 20.30 H

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DO 20. 11. 21.00 H

The Present

 

CH 1996, 35mm (Video), Farbe, 27 Min. (engl. OF).
Regie: Robert Frank

 

The Present beginnt, Voice-over, die Geschichte hat bereits angefangen. Es ist kein Tagebuch, kein Home-Movie: "a close one". Eine Art Zeitung, beinahe ohne Datum — zuerst einmal MONDAY..., dann der Beginn eines neuen Jahres, der mit einem angekündigten Tod zusammenfällt. Eine Gegenwart, die die Form eines Videofilms annimmt. Bilder in Bewegung, Farbe, dazwischen Schwarz-Weiss-Fotos, ein paar Malereien, Fragmente von Geschriebenem. Direktton: Geräusche, Stimmen, seine und andere, jene von June, Musik. Ungefähr ein Jahr im Leben von Robert Frank. Die Orte, die er besucht hat. Leute, die ihm nahe stehen. Seine beiden Häuser. Tiere, verschiedene Gegenstände. Augenblicke. Markierungen auf einer lebendigen Landkarte, relative Geografie. (AB)

 


 

 

 

 

 

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DO 20. 11. 21.00 H

What I Remember from my Visit (with Stieglitz)

 

CAN 1998, Video, Farbe, 7 Minuten. (engl. OF).
Regie: Robert Frank

 

Eine Stimme mit französischem Akzent wiederholt den Titel des Videos und suggeriert damit den Beginn einer persönlichen Erzählung. Das Home-Movie-Setting unterstreicht diesen Eindruck. Eine nackte Glühbirne hängt an der Decke, eine Hand schaltet die Lampe ein: die Attraktion der filmischen Beobachtung kann beginnen. "What I remember from my visit with Stieglitz: the hospitality, the wood-stove in the kitchen, chicken for lunch, Stieglitz, waiting for the sun to appear through the clouds...."

Der Mann hinter der Kamera ist auch der Erzähler: Jerome Sother, ein junger Filmemacher auf Besuch in Mabou. Wie schon in anderen Filmen schafft sich Frank mit diesem Projekt wieder die Möglichkeit, über das Alter ego einer fiktiven oder wirklichen Künstlerpersönlichkeit seine eigene Rolle als Fotograf und Filmemacher zu hinterfragen. (BBU)

 


 

 

 

 

 

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DO 20. 11. 21.00 H

San Yu

 

CH/F 2000, 35mm (Video), s/w, 27 Minuten.
(engl., chin., franz. OF m. engl. UT).

Regie: Robert Frank

 

Der „alte" chinesische Maler ist 50, als wir uns in New York begegnen — ich 25. Er liebt es, Frauen zu malen, Blumen, Tiere. Er kocht und träumt davon, berühmt zu werden. Wir schreiben das Jahr 1950. Er stirbt 1966 in Paris, verarmt und vergessen. 30 Jahre später beschließe ich, seine Bilder, die er mir damals dagelassen hat, zu verkaufen. Die Berühmtheit, die er mittlerweile erlangt hat, macht mich zu einem erstaunten Zeugen des Geistes, der die Kunstwelt heute beherrscht. Ich erinnere mich an unsere Freundschaft, vor so langer Zeit. Ich wundere mich, was für ein Schicksal uns wieder zusammengeführt hat, auf der Leinwand. (Robert Frank)

In knappem, fragmentarischem Stil tastet San Yu, der Film, das Leben und die Kunst eines Fremden ab — und die zaghaften, letztlich zum Scheitern verurteilten Versuche, sich diesem zu nähern. Frank selbst stellt hier jedenfalls noch einmal fest, worum sein Werk sich primär dreht: "It’s all about memory". (StG)

 


 

 

 

 

 

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FR 14. 11. 20.30 H

DO 20. 11. 21.00 H

Paper Route

 

CAN/CH 2002, Video, Farbe, 23 Minuten. (engl. OF).
Regie: Robert Frank

 

In Neuschottland begleitet Frank den Zeitungsausträger Bobby McMillan auf seiner nächtlichen Tour mit der Kamera. Gesprochen wird wenig, in der Weite der horizontlosen Landschaft ist jede Frage zu klein. Doch es klingt wie eine versöhnliche Nachricht aus der eigenen Existenz, wenn Frank, der Meister der Abschiede, bei Tagesanbruch im kalten Fond von Bobbys Auto feststellt: "Circles, that’s what we all do at the end". (DM)

 


 

 


 

 

 

 

 

 

 


Eine gemeinsame Veranstaltung von Österreichisches
Filmmuseum und sixpackfilm.

Idee: DIAGONALE Forum österreichischer Film

(Erstaufführung des DIAGONALE SPECIALS „Robert Frank" im Rahmen von Graz Kulturhauptstadt Europas 2003)

Programm: Brigitta Burger-Utzer, Alexander Horwath
Redaktion: Brigitta Burger-Utzer
Pressearbeit: Markus Aspetzberger
Kopienorganisation: Verena Teissl, Regina Schlagnitweit
Übersetzungen: Barbara Pichler
Videostills: Brigitta Burger-Utzer, Karl Ulbl
Print-Grafik: Karl Ulbl


Nähere Informationen erhalten Sie bei
Sixpack Film
, Tel. 526 09 90
1070 Wien, Neubaugasse 45

Kartenreservierungen:
Östereichisches Filmmuseum Tel. 533 70 56 und
www.filmmuseum.at

   
 

 

 

Dank an:

Robert Frank

Susi Anderle (filmladen); Rebecca Boulton (Prime Management); Christa Blümlinger; Philip Brookman; Shaun Fenn (Warner Music); Christine Frisinghelli (camera austria); Viktoria Salcher, Constantin Wulff (DIAGONALE); Alexander Horwath; Laura Israel; Walter Keller (Scalo Verlag); Samantha Lecca Riba (Arista Records); Manuela Lenzin (Radio Televisione Svizzera Italiana); Sean Linehan (Arista Records); Marian Luntz, Tracy Stephenson (Museum of Fine Arts, Houston); Ralph McKay; Peter MacGill, Lauren Panzo (Pace/MacGill Gallery, New York); Gabi Mühlberger (Stadtkino Wien); Rosanne Pavicic (Toronto Film Festival); Jean Perret (Visions du Reél, Nyon); Steve Polta (San Francisco Cinemateque); Päivi Räsänen (Tampere Film Festival); Peter da Rin (Pro Helvetia); Walter Ruggle (trigon film); Peter Scarlet (Tribeca Film Festival); Michael Shamberg (Cascando Films); Adelle Smith (Ascent Media); Julian Soler (San Francisco International Film Festival); Ruth Waldburger, Yvonne Mair, Karin Wegmann (Vega Film); Gerhard Winkler.


AutorInnen & Quellen:
Anne Bertrand (AB), Philip Brookman (PB), Brigitta Burger-Utzer (BBU), Ralph Eue (RE), Stefan Grissemann (StG), John Hanhardt (JH), Isabella Heugl (IH), Jan Christopher Horak (JCH), Christoph Huber (CH), Hugo Loetscher (HL), Thomas Mießgang (TM), Daniele Muscionico (DM), National Gallery of Art, Washington (NGAW), Jean Perret (JP), Bert Rebhandl (BR), Gerald Weber (GW).

 

 

Das Tribute Robert Frank wird ermöglicht durch
die finanzielle Unterstützung von: