In Person
Corinna Schnitt

 

Donnerstag, 28. April 2005
19.00 und 21.00 Uhr im Filmmuseum

Österreichisches Filmmuseum, Augustinerstraße 1, 1010 Wien
Karten: 01 - 533 70 54, www.filmmuseum.at



 

Programme  1 2


 

Corinna Schnitt bearbeitet in ihren Filmen und Videos das Alltägliche und das Private. Die inszenierten Mikro-Szenarien handeln von geregelten Abläufen im Korsett von Familienstrukturen, kleinbürgerlichen Idealen und Lebensproblemen, „bundesdeutschen Ordnungssinn“, Pünktlichkeit und Sauberkeit.>Stets liegen in diesen Geschichten Momente ironischer Überhöhung, die zum Lachen anregen ohne zu denunzieren sondern vielmehr in Irritation und Beklemmung münden. Ums Putzen und um Reinlichkeit geht es etwa in ihren ersten Filmen.
In Schönen guten Tag reinigt eine Frau emsig die Küche, danach das Stiegenhaus. Aus dem Off ertönen die Aufzeichnungen des Anrufbe­antworters. Die besorgten Vermieter kommen darin pedantisch immer wieder auf die gleichen Dinge zu sprechen: Bedenken über die Verunreinigung der Gangtoiletten durch Hausfremde oder den Verlust der Keller- oder WC-Schlüssel. Zwischen vier und sechs führt uns zu einer Familie, deren Sonntagsbeschäftigung im gemeinsamen hobbymäßigen Putzen der Straßenschilder in der näheren Umgebung des Hauses besteht. Ernsthaft werden von der Erzählerin dabei die Vorzüge verschiedener Putzmittel oder die neu gewonnene Familieneintracht durch dieses gemeinsame regelmäßige Unternehmen erörtert.
Corinna Schnitt reduziert Monologe und Bilder auf das Wesentliche. Ihre Geschichten entstehen im Spannungsfeld zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem, zwischen genauer Beobachtung und subtilem Humor. Oft befindet sich die Künstlerin auch unter den Darstellerinnen vor der Kamera. Diese Präsenz verleiht den Arbeiten eine zusätzliche vermeintliche Authentizität und vergrössert die Irritation, die sich in der Überhöhung der erzählten Geschichten ohnedies schon einstellt. Die Texte – als Anrufbeantworter oder Erzählerin oft nur aus dem Off zu hören – haben meist einen realen, manchmal biografischen Ursprung, werden von Corinna Schnitt allerdings noch bearbeitet und umgeschrieben.
In Living a Beautiful Life  benutzt Schnitt für den Dialog etwa Aufzeichnungen von amerikanischen Teenagern über deren Vorstellung vom idealen Leben. Die Location des Films ist dann ein modernistisches und elegantes Wohnhaus in Los Angeles. In den schönen, aber steril wirkenden Räumen sind abwechselnd ein Mann und eine Frau zu sehen, die von dem schönen Leben berichten, das sie miteinander, einzeln und mit diesem Haus verleben. Unendlich perfekt und doch unendlich langweilig ist die Vorstellung vom Dasein, das sie schildern. In der Inszenierung des Films offenbart sich die bittere Realität gesellschaftlicher Klischees.
In ihren Arbeiten ist nichts dem Zufall überlassen. Schnitts Filme und Videos sind jeweils minutiös aufgebaut und bestechen durch die präzise Kadrage. Oft entsteht über das Verhältnis zwischen Text und Bild eine Verbindung zwischen (privatem) Innenraum und (öffentlichem) Außenraum, zwischen Erzählung und Architektur. Damit eröffnet sich ein diskursives Feld des Privaten im Alltäglichen, in dem zielsicher auf eine Auseinandersetzung mit den Vorstellungen und Utopien der Organisation des Lebens gedrängt wird.

(Gerald Weber)

 

 



 

 

Programme  1 2

 

 

 

Donnerstag, 28. April 2005 19.00 Uhr

Corinna Schnitt: Prima Leben
mit anschließendem Gespräch mit der Künstlerin

 

 

Schönen guten Tag

 

D 1995, 16mm, s/w, 5 min
Kamera: Jens Ludwig

In statischen Einstellungen sehen wir eine Frau beim Putzen, aus dem Off sind die Nachrichten der überbesorgten Hausbesitzer vom Anrufbeantworter zu hören. Schon in Corinna Schnitts erstem Film sind die Grundkonstanten ihrer Arbeit deutlich ausgeprägt: Um den Alltag geht es, um die Strukturen, in denen man sich einrichtet, um Sehnsüchte und auch um Kommunikation. (Barbara Pichler)

 

Zwischen vier und sechs

 

D 1997, 16mm, Farbe, 6 min
Kamera: Justyna Feicht

Vater, Mutter und Tochter ziehen am Sonntag, dem einzigen Familientag in der Woche los, um zwei Stunden lang die Verkehrsschilder in den umliegenden Strassen zu reinigen – ganz professionell mit Leiter, Wassereimern, Stadt- und Putzplan. Doch hinter dieser Geschichte verbirgt sich eine Tragödie: über die Einsamkeit in der Großstadt und über den Stellenwert der Familie. (Andrea Dittgen)

 

Raus aus seinen Kleidern

 

D 1999, 16mm, Farbe, 7 min
Kamera: Justyna Feicht, Jens Ludwig

„Das ist sozusagen eine Maxime von mir, dass ich keinen Mann will, der seine Wäsche in den Trockner tut.
In einem Trockner vermischt sich ja direkt alles mögliche in den Fasern, man kann sich in solchen Anziehsachen gar nicht wohlfühlen.“ (Off-Ton)

 

Das schlafende Mädchen

 

D/NL 2001, 16mm, Farbe, 9 min
Kamera: Justyna Feicht

Mit einer einzigen Kamerakranfahrt wird eine Einfamilienhaussiedlung präsentiert, die den Charakter einer Modellplatte hat: ein sauberes Ideal, aber gespenstisch verlassen. Am Ende erst eine Stimme vom Anrufbeantworter. Der gesprochene Text gibt Aufschluss über aktuelle Lebensprobleme und -ideale: Es geht um Möglichkeiten der finanziellen Ab­sicherung, um eine Erwerbsunfähigkeitsrente und einen verlorenen Kugelschreiber.

 

Schloß SolitudeSchloß Solitude

 

D 2002, Video, Farbe, 10 min
Kamera: Justyna Feicht, Ton: Jens Ludwig, Dirk Krecker,
Musik: Mark Randall Osborn

„Ich bin was Besonderes“. Dieser Satz wird in der barocken Umgebung von Schloß Solitude von einer höfischen Dame im Rokokogewand gesungen und auf der Schloßtreppe antwortet ein Polizeichor. Es entsteht ein monotoner und grotesker Wechselgesang.

 

Das nächste Mal

 

D/NL 2003, Video, Farbe, 6 min
Kamera: Justyna Feicht

Es ist Frühling, zwei Kinder liegen auf der Wiese, sprechen einen eigenartigen Liebesdialog. Klischeesprüche wie „Hör auf dein Herz“ und Klischee­vorstellungen wie „Sei doch mal romantisch“ werden geübt. Die Kamera distanziert sich, der Schauplatz erweist sich aus der Entfernung als kleine Grünfläche einer Verkehrsinsel. Ein Zufluchtsort tradierter Liebesphantasmen inmitten einer lärmenden Realität. (Sabine Winkler)

 

Living a Beautiful Life

 

D/USA 2003, Video, Farbe, 13 min
Kamera: Philipp Lachenmann, Ton: Jens Brand
Darsteller: Diana Imber, Michael Gianelli

„Stell dir ein Leben vor, wie du es als Kind schon geträumt hast“. Scheinbar naiv nimmt Corinna Schnitt das allgemeine Wünschen und die üblichen Vorstellungen vom Lebensglück beim Wort und führt uns diese erbarmungslos vor Augen und Ohren: Ein gutaussehendes Paar berichtet in einer stilvollen Villa in Los Angeles abwechselnd in die Kamera, dass sie all das haben und all das sind, was sich andere nur ersehnen. Wie Replikanten zählen sie sämtliche Bestandteile eines traumhaft schönen Lebens auf, so wie es sich die Menschen gemeinhin vorstellen. (Kay von Keitz)



 

 

 

Programme  1 2

 

 

 

Donnerstag, 28. April 2005 21.00 Uhr

Carte blanche für C. Schnitt:
Der andere Mensch

Einführung von Corinna Schnitt

Dieses Programm besteht aus Filmen und Videos, die auf der formalen Ebene einer klaren inszenatorischen narrativen Struktur folgen und auf der inhaltlichen Ebene von zwischenmenschlichen Beziehungen erzählen. Innerhalb unterschiedlicher Kontexte werden dabei die psychische oder verbale Interaktion in Gruppen oder Zweierkonstellationen verhandelt. Alle Filme zielen auf die Fragen von Identitätskonstruktion in einem alltäglichen sozialen Rahmen. (C. Schnitt)

 

 

Lasso

 

Salla Tykkä, Fin 2000, 35mm, Farbe, 4 min

Eine junge Frau kehrt nach dem Joggen zu ihrem Elternhaus zurück, klingelt an der Haustür, doch niemand öffnet ihr. Sie geht ums Haus herum und nähert sich zögernd den Fenstern, die ihr Spiegelbild reflektieren. Erst als sie ganz nah herantritt, kann sie in das Innere des Raumes blicken und entdeckt ihren Bruder spielend mit einem Lasso. Das Geschwisterpaar, das in verschiedenen Welten zu leben scheint und durch Fenster und Jalousien getrennt ist, verweist auf die fliessende Grenze zwischen realer und imaginärer Welt.
(Bawag Foundation Wien 2002)

 

train

 

Julika Rudelius, D/NL 2001, Video, Farbe, 7 min

Die Grundlage für die Videoarbeit train bildet ein Gespräch zwischen einer Gruppe von Jungs, das Rudelius im Zug belauscht hat. Sie bittet die Jungs die Unterhaltung in einer nachgestellten Szene zu wiederholen; das gesamte Gespräch dreht sich um Mädchen und Sex und ist im weiteren Verlauf von Aufschneidereien geprägt. Rudelius nimmt dabei die Position des Voyeurs ein: die Kamera späht durch einen Spalt in den Sitzen des Zugabteils, sodass oft nur Teile der Gesichter der Jungen zu sehen sind. (Melanie Ohnemus)

 

Moi vu par

 

Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer,
D/F 1999, Video, Farbe, 18 min

Moi vu par versucht die Identität eines Menschen anhand der Bilder, die die anderen von ihm haben, darzustellen. So entsteht kein übereinstimmendes Portrait der Hauptfigur, vielmehr wird die Frage aufgeworfen, inwiefern sich Identität vielleicht überhaupt erst in der Betrachtung durch den anderen konstituiert.
(Kurzfilmtage Oberhausen 2000)

 

Widerspruch in sich

 

Rabea Eipperle & Rahel Puffert, D 2001, Video, Farbe, 7 min

Das Video zeigt eine durch theatrale und filmische Verfremdungseffekte inszenierte Gesprächssituation zwischen einem Jungen und einem Mädchen. Zu Beginn des Gesprächs geht es um das Gespräch selbst: wer fängt an, worüber soll gesprochen werden? Auf der Suche nach einem geeigneten Anfang entspinnt sich eine Diskussion, entwickelt sich ein Streit, wird das Besprechbare zur Nebensache.

 

Shouting Match

 

George Barber, UK 2004, Video, Farbe, 12 min

Eine Anzahl an Personen bestimmt die Dauer ihrer Anwesenheit im Bild nur durch den Einsatz und die Kraft ihrer Stimme. Um in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden, müssen alle Parameter inklusive der Lautstärke immer „voll aufgedreht“ sein.

 

Consolation Service (Lohdutusseremonia)

 

Eija-Liisa Ahtila, Fin 1999, 35mm, Farbe, 24 min

Ahtila schildert drei dramatische Momente innerhalb des Trennungs­prozesses eines Paares – erzählt aus der Perspektive und mit der Off-Stimme der Nachbarin. Die Filme von Ahtila handeln von zerbrochenen Beziehungen und persönlichem Verlust, von Dingen, die Menschen auseinanderbringen und verzweifeln lassen. Inmitten der unspektakulären Realität des Alltags erzählen ihre Geschichten von scheinbar normalen Menschen. Plötzlich aber bricht die Situation und alles Vertraute wird über Bord geworfen. (Hans-Peter Schwanke)

 

Annemiek

 

Rineke Dijkstra, NL 1997, Video, Farbe, 4 min

Ein junges Mädchen singt lippensynchron zu ihrem Lieblingslied der „Backstreet Boys“. Während der Popsong die Unüberwindbarkeit von Ich und Du sowie die Sehnsucht nach Aufhebung dieser Grenzen zum Thema hat, spiegeln sich diese Gefühle in der Mimik des Mädchens wider: Hier bewegt sich alles zwischen Pose und Natürlichkeit, zwischen Wahrhaftigkeit und Wunschbildern. (Kunstmuseum Bonn 2000)


 

in Zusammenarbeit mit: Österreichisches Filmmuseum / Crossing Europe – Int. Filmfestival Linz / OK Linz
Redaktion: Gerald Weber