In Person
Ivan Ladislav Galeta

 

Mittwoch, 1. und Donnerstag 2. Oktober 2008,
jeweils um 21.00 Uhr im Filmmuseum
Eine gemeinsame Veranstaltung von filmmuseum und sixpackfilm



 

Programme  1 2

 

 

sfaíra 1985-1895

WAL(L)ZEN

Two Times in one Space


 

Der Zagreber Ivan Ladislav Galeta ist der Neoplatoniker unter den Regisseuren des europäischen Experimentalfilms. Hinter der klaren, mathematisch abstrakten, Kader für Kader minutiös rhythmisch gebauten Struktur seiner Filme und Videoarbeiten, die alle gleichzeitig Analysen des Mediums Film sind, verbirgt Galeta eine wahre Wunderkammer: Hermetische Paralleluniversen, die weit in der Vorgeschichte des Mediums liegen und in deren Zahlen- und Symbolräumen Galetas akribisch gebaute Filmkompositionen ihren formalistischen Anker finden.

Film ist nur eines der Medien, in denen Ladislav Galeta seine künstlerische Arbeit entfaltet hat. Galeta war auch einer der Pioniere der Medienkunst in Kroatien, deren erstes Zentrum, das MM-Centar für Film/ Video/ Multimedia er 1977 mitgründete. Bis heute arbeitet er in einer Vielzahl von installativen und konzeptuellen ästhetischen Formaten – von der Objektkunst oder dem literarischen Text wie der musikalischen Komposition, bis zu Performance und Netzkunst oder dem Gesamtkunstwerk eines Gartens.

Ästhetisch sozialisiert wurde Galeta in Zagreb der 1970er Jahre. Das Umfeld der strukturanalytischen Philosophen der Praxis-Schule und ihres phänomenologisch grundierten Marxismus sowie einer starken jungen Konzeptkunst Szene, deren lokale Wurzeln in den konzeptuellen Abstraktionen der Gorgona-Gruppe der 1960er Jahre liegen und die immer auch in Austausch mit einer international orientierten Avantgardefilmszenen in Split und in Zagreb (rund um Namen wie Tomislav Gotovac, Vlado Petek oder Ian Martinak) – gestanden war. Daneben bot Galeta die Freundschaft mit den FilmavantgardistInnen der ungarischen Bela Balász Studios um László Beke, Miklós Erdely oder Miklós Peternak und Dóra Maurer Anregungen. Sein Werk fand in dieser Szene und im Anti-Illusionismus des strukturalen und des Materialfilms der 1960er Jahre die formale Fundierung. Doch schon in den ersten Filmarbeiten überschritt Galeta das enge strukturalistische Repertoire des klassischen Experimentalfilmes mit all dessen Fetischisierung der materialistischen Apparate- und semiologischen Strukturanalyse des Films und erweiterte den Referenzraum seiner Arbeit. Mit geradezu obsessivem Interesse an Reihen und Serien, Symmetrien und zyklischen Formen und Konzepten kultureller Zirkularität, baute er für seine mitunter jahrelang vorbereiteten Projekte ein Imperium kultureller Recodierungsmuster auf, das, um nur einen Ausschnitt zu skizzieren, von Mallarmé oder James Joyce, die Symbolanalyse C. G. Jungs, die mathematische Kosmologie und die Geschichtsphilosophie des Spätbarock, bis hin zur hermetischen, okkulten Traditionen der europäischen Renaissance und den Geheim- und Symbolwelten von Gnosis oder Kabbala und fernöstlicher Mystik und Zahlenmagie reicht.

(Georg Schöllhammer, Aus: INDEX, Dvd Edition,
Booklet zu Ivan Ladislav Galeta, Wien 2008)


 

Mittwoch, 1. Oktober, 21 Uhr

 

Filme von Ladislav Galeta

PíRâMídas

Walter Pulu 1869 1896

 


Metanoia (1969)
S8/16mm, s/w + F, ohne Ton, 12 min
Galetas Erstlingswerk!

 

Two Times in one Space (1976/1984)
35mm, s/w, 12 min
„Zweimal in einem Raum“. Galeta besiegt die Zeit, indem er sie als Raum präsentiert: Als den benjaminischen Raum der Geschichte, der entsteht, wenn das Früher und das Jetzt an ein- und derselben Stelle gleichzeitig da sind. (Alexander Horwath)

 

sfaíra 1985-1895 (1984)
35mm, s/w, ohne Ton, 10 min
Der Film, vertont durch Stille, in Doppelprojektionen mit einer Verschiebung von 72 Filmbildern (oder 3 Sekunden), ist gleichsam eine Hommage an den Stummfilm. Das Orginalmaterial ist mit versteckter Kamera 1971 in Zagreb aufgenommen worden. Die Nahaufnahmen wurden nachträglich, als die Reaktion der Passanten bereits bekannt waren, realisiert. (EMAF-Katalog 1988)

 

Water Pulu 1869 1896 (1987/1988)
35mm, F, 9 min
Water Pulu 1869 1896 beobachtet ein Wasserballspiel, das 1986 stattgefunden hat, vermeintlich zwischen Frankreich und Nordkorea, und das laut Vorspann 4:16 endete. Der formale Trick des Films ist, dass der Ball immer im Zentrum des Bildes bleibt und die Bewegung der Spieler sich um ihn herum entwickelt, ein Effekt der durch die Tonspur aus Ambient- Geräuschen wie dem Pfeifen des Schiedsrichters und Einspielungen von Debussys La mergebaut ist. (Georg Schöllhammer, Index-Booklet)


WAL(L)ZEN (1989)
35mm, F, 7 min
Eine struktureller Film über einen Pianisten, der einen Auszug aus Chopins Waltz (op. 64. Nr. 2)aufführt. Der Name des Pianisten ist
Fred Dosek, der besagtes Stück bereits für Galetas Film Forward-Backward: Piano(1977) zum Besten gab. Zwölf Jahre danach manipuliert der Filmemacher das Material und zeigt den Pianisten, nach einem genauen mathematischen Plan konzipiert, vorwärts, rückwärts – mitunter in doppelter Geschwindigkeit – spielen.

 

PíRâMídas (1972-1984)
35mm, F, 12 min
Der Film ist vollkommen symmetrisch, mit zwei verschiedenen Zentren. Eines von ihnen ist eine illusorische Achse des im Raum vorgestellten perspektivischen Punktes, um den die Kamera eine spiralförmige Drehung vollführt – dies ist das Zentrum bezüglich des Raums: Das andere ist die Mitte des Filmstreifens, im 7261. Kader des Films – dies ist das Zentrum bezüglich der Zeit. Der Film wurde in einer einzigen, ununterbrochenen fortlaufenden Einstellung gemacht, bestehend aus 14 521 Kadern, mit 4 Grundpositionen der Kamera in 60 Zyklen. Das Ende des Films ist gleichzeitig sein Anfang (Ivan Ladislav Galeta)


Anschließend Gespräch mit dem Künstler plus Präsentation des Expanded Cinema Films Left- Right (1975/1979)

Ganz neu ist die DVD Obsession: Structuring Time and Space mit den Filmen von Ivan Ladislav Galeta auf dem Label INDEX erschienen.


 

Donnerstag, 2. Oktober 2008, 21 Uhr

 

Videos von Ladislav Galeta

Media Game 1


Die äußerst rar gezeigten Videoarbeiten Galetas zeichnen sich durch eine radikal puristische, aber auch sehr humorvolle Herangehensweise aus. Oft fungiert Galeta selbst als Protagonist. Vor allem die Nutzung aufkommender Medien-Technologien in einer quasi „absurden“ Art und Weise stellt, neben dem Empfinden von Dauer bzw. Zeitabläufen, einer der thematischen Schwerpunkte dar. In TV Ping Pong verwendet er beispielsweise eine Split-Screen Präsentation in einem TVStudio eines in Realzeit ablaufenden Tischtennisspiels.
Die rasch ablaufende Folge voneinander getrennter Blickperspektiven der Spieler kann in jedem Teil des Spli-Screens beobachtet werden, während die Kontinuität des Spiels die ganze Zeit erhalten bleibt. In den TV- Interventionen No 1, 2, 3, 4 oder auch Media Game 1 tritt Galetta als medialer Hypnotiseur ins Bild, der die Blickrichtung sowohl für sein Auge als auch für die des Publikums vorgibt, mit welchem er in direkten Kontakt zu treten versucht. Dabei konfrontiert er die Realität der ZuschauerInnen mit der Realität des Mediums. Drop erscheint hingegen wie ein pointierter Nachruf auf die konzeptuelle Studie Dripping Water (1969) von Joyce Wieland und Michael Snow. In einer Einstellung ist das Loslösen eines Wassertropfens zu verfolgen: minimalistisch reduzierte Spannung auf höchstem Niveau.
Und auch Railway Station – Amsterdam und Lijnbaangracht Centrum erweisen sich als schnörkellose, mit subtilem Witz versehene Studien der Zeit. Wie einzelne Videotitel bereits andeuten, findet Galeta den Bezugsrahmen in seinen jüngsten Arbeiten vorwiegend in der Natur, die er mit versteckten Codes unterfüttert. Quasi wie ein Gärtner, ausgestattet mit der Kamera, durchforstet er die reichhaltigen Ressourcen, die die Umwelt liefert. Für sein Langzeitprojekt ENDART erhielt Galeta den renommierten Oktavijan-Award der kroatischen Filmkritik. (Dietmar Schwärzler)

 

No 1, 2, 3, 4 (1979)
Beta Sp, s/w, ohne Ton, 8 min

TV Ping-Pong (1976/78)
Beta SP, s/w, 2 min

Media Game 1 (1979)
Beta SP, s/w, 45 sec

Railway Station – Amsterdam (1979)
Beta SP, s/w, 3 min

Lijnbaangracht Centrum (1979)
Beta SP, s/w, 3 min

Drop (1979), Beta SP, s/w, 10 min
Letter (1995), Beta SP, F, 4 min

Fire (2006), Beta SP, F, 22 min
(Ausschnitt 5-6 min)

Water Colour from Sarajevo (2008)
Beta SP, F, 33 min, (Ausschnitt 3-4 min)

ENDART No 5 (2004), Beta SP, F, 33 min


Anschließend Gespräch mit dem Künstler


 

Österreichisches Filmmuseum

Augustinerstraße 1, 1010 Wien
Karten: 01 - 533 70 54 www.filmmuseum.at