In Person
Tony Conrad
DreaMinimalist*

 

Filmprogramm, Liveperformance, Lecture, Research Station
Österreichisches Filmmuseum, brut, Semperdepot, Fluc Wanne
26. bis 31. Oktober 2008

 



 

Filmprogramme  1 2

30. Oktober 2008 19 und 21 Uhr
Österreichisches Filmmuseum, Augustinerstraße 1, 1010 Wien
Karten: 01 - 533 70 54

Gesamtprogram  X

Screenings, Liveperformance, Lecture, Research Station

 

 

© Marie Losier
© Orkan Telhan

 

 


 

Mit seinem ersten Film The Flicker produzierte Tony Conrad 1966 ein maßgebliches Werk des strukturellen Films und wurde zu einer zentralen Figur der US-amerikanischen Avantgarde. Durch die Fokussierung auf das Filmmaterial selbst und die medienspezifischen Gegebenheiten der filmischen Apparatur wird die Aufmerksamkeit der ZuseherInnen auf die eigenen Wahrnehmungsprozesse gelenkt. Das rhythmische Pulsieren von schwarzen und durchsichtigen Kadern erzeugt stroboskopische Lichtblitze, die die Retinas der BetrachterInnen bearbeiten bis diese (imaginierte) Farben und Formen zu sehen beginnen.
Das Interesse an der Auslotung der sensorischen Fähigkeiten ist auch ein zentrales Thema in den Filmen der 1970er Jahre. Das Zusammenspiel zwischen den wesentlichen Elementen der Kinosituation und deren Auswirkungen auf die ZuschauerInnen wirft die Frage auf: Was ist Film? So simpel diese Frage klingt, ist es doch schwierig eine präzise Antwort darauf zu finden. Film beginnt in den meisten Fällen mit Material, Celluloid, das die An- bzw. Abwesenheit von Licht festhält. In Curried 7302 (1973) und 7302 Creole(1973) wird das Filmmaterial nach unterschiedlichen Rezepten gekocht und die Auswirkungen dieses Prozesses kreieren ein kulinarisches Spiel von wechselnden Farbkaskaden.
Der Celluloidstreifen wird dann durch den Filmprojektor geschickt, der den Lichtstrahl auf eine weiße Leinwand wirft. Auf dieser zweidimensionalen Fläche nimmt das menschliche Auge Bewegung im dreidimensionalen Raum wahr; eine Fehlleistung in doppelter Hinsicht, da die Bewegung erst durch das Unvermögen des menschlichen Auges, 24 Bilder pro Sekunde separat zu registrieren, entsteht. Das Nachleuchten der Einzelbilder erzeugt die Illusion von Bewegung. Auch der räumliche Aspekt des Wahrgenommen ist eine Leistung des Hirns, da alles Abgebildete nur Schatten auf einer flachen Leinwand sind.
Tony Conrad thematisiert diese Fragestellungen auch in seinen Expanded Cinema Arbeiten. In Pickled Eastman Kodak 7302 (2006) legt er Filmmaterial wie saure Gurken in Einweckgläser ein und stellt sie im Kunstkontext aus. Die 1973 begonnen Serie Yellow Moviesbesteht aus gemalten Leinwänden, deren Innenrand exakt gezogen ist, während der Aussenrand ausfranst. Dadurch verweist Conrad auf den einzig realen Raum der Filmbetrachtung: dem zwischen Leinwand und Auge.

Da die Kinoerfahrung ein audiovisuelles Erlebnis ist, nimmt auch der Ton in Tony Conrads Arbeiten eine zentrale Rolle ein. Er wird beispielsweise in Articulation of Boolean Algebra for Film Opticals (1975) durch das Bild erzeugt oder die Tonproduktion ist wie in Accordion (1981) im Bild sichtbar. Nicht zuletzt tritt er als Komponist von Filmmusik in Erscheinung wie bei Scotch Tape (1963) von Jack Smith.
Unbekannter sind Tony Conrads Videoarbeiten der späteren Jahre. Auch hier stellt der Künstler medieninhärente Bedingungen in Frage und dekonstruiert sie. Auf humorvolle Weise werden Blickregime aufgebrochen, Geschlechterkonzepte hinterfragt und Machtdiskurse unterwandert. No Europe (1990) basiert auf der Überlegung wie die Vereinigten Staaten aussehen würden, hätte es keine Kolonialisierung durch die Europäer gegeben. Wie in den meisten Videoarbeiten agiert der Künstler hier auch vor der Kamera. In Claiming L.A. (2002) schlüpft er in die umgekehrte Rolle und beansprucht als Eroberer Los Angeles. Oft hantiert Conrad mit Verkleidungen: In Conversation II (2005), stellt sein Gesicht halb Mann und halb Frau dar, wobei die beiden Hälften ein spannungsgeladenes Gespräch über Begehren führen. In Hello Happiness (2001) wiederum setzt er den eigenen Körper in Bezug zu sadomasochistischen, homosexuellen Praktiken.

 

 

Tony Conrad ist nicht nur Filmemacher, sondern auch Musiker und Komponist. Bekannt wurde er als Mitbegründer der Minimal Music und Mitglied von The Dream Syndicate (gemeinsam mit John Cale, Angus MacLise, La Monte Young und Marian Zazeela). Durch die Verwendung von langen Zeitintervallen und nicht westlicher Harmonielehre werden die Hörgewohnheiten herausgefordert. Im Rahmen
von Tony Conrad DreaMinimalist* gibt es drei Gelegenheiten in diese neuen Klangwelten einzutauchen. Am 26. 10. feiert eine neue Komposition für verstärkte Streichinstrumente ihre Uraufführung, am 28. 10. setzen sich internationale NoisemusikerInnen mit Tony Conrad auseinander und am 31. 10. spielt er ein Solokonzert.

 

Am 27. 10. gibt Tony Conrad eine Lecture im Semperdepot: Using carefully selected harmonic intervals and new scales in music, with reference to performance and software
applications; and comments on the changed practicality of microtonality as a basis for harmonic listening.
Im Anschluß daran findet ein Publikumsgespräch statt.

 

Anfang- und Schlusspunkt ist die Dokumentation Tony Conrad: DreaMinimalist (2008) von Marie Losier, eine pointierte Annäherung an den vielschichtigen Künstler, dessen Werk zwischen Reduktion und Exzess changiert und daraus ekstatische Seh- und Hörerlebnisse generiert. Dare to dream minimalist!
(Michaela Grill)

 

 

 

Donnerstag, 30. Oktober, 19 Uhr

 

Filmprogramm 1

Film Feedback

 


Articulation of Boolean Algebra for Film Opticals
1975, 16mm, sw, Ton, 10 min (Ausschnitt)
Phonograph 1979, 16mm, sw, stumm, 1 min
Accordion 1981, Video, Farbe, Ton, 12 min
Literature and Revolution 1985, Video, Farbe, Ton, 3 min
No Europe 1990, Video, Farbe, Ton, 14 min
Claiming L.A. 2002, Video, Farbe, Ton, 2 min
Scotch Tape Jack Smith 1963, 16mm, sw, Ton, 3 min
(Musik: Tony Conrad)
Conversation II 2005, Video, Farbe, Ton, 6 min
Straight and Narrow Tony & Beverly Conrad 1970,
16mm, sw, Ton, 10 min

 

Im Anschluss Publikumsgespräch mit Tony Conrad

 


 

Donnerstag, 30. Oktober, 21 Uhr

 

Filmprogramm 2

4-x Attack

 


Lookers Video, Farbe, Ton, 3 min(Work In Progress,Ausschnitt)
7302 Creole 1973, 16mm, Farbe, stumm, 1 min
Curried 7302 1973, 16mm, Farbe, stumm, 2 min
The Eye of Count Flickerstein1975, 16mm, sw, stumm, 7 min
Film Feedback 1974, 16mm, sw, stumm, 14 min
An Immense Majority 1987, Video, Farbe, Ton, 7 min
Hello Happiness 2001, Video, Farbe, Ton, 1 min
4-x Attack 1973, 16mm, sw, stumm, 1 min
The Flicker 1966, 16mm, sw, Ton, 30 min

Im Anschluss Publikumsgespräch mit Tony Conrad



 



 

26. - 31. Oktober 2008

 

Überblick Gesamtprogramm

© Anne Turyn

 

 


26. 10. 2008 brut Künstlerhaus
21.30 Screening Marie Losier
Tony Conrad: DreaMinimalist, USA 2008
im Anschluss Liveperformance
Tony Conrad: Neues Streichquartett (UA)
Tony Conrad (Violine), Streichquartett des
ensemble on_line


27. 10. 2008 Semperdepot
18.00 Lecture Using carefully selected
harmonic intervals and new scales in
music, with reference to performance and
software applications; and comments on
the changed practicality of microtonality
as a basis for harmonic listening,

und Gespräch mit Tony Conrad

28. 10. 2008 Fluc Wanne
22.30 Liveperformance Tony Conrad Noise,
Hild Sofie Tafjord (Oslo), Putrefier (Bristol),
Sudden Infant (Berlin), DJ Hellrider (Wien)

30. 10. 2008 Österreichisches Filmmuseum
19.00 Filmprogramm 1
und Gespräch mit Tony Conrad
21.00 Filmprogramm 2
und Gespräch mit Tony Conrad

31. 10. 2008 brut Konzerthaus
21.30 Liveperformance Tony Conrad Solo
im Anschluss Screening Marie Losier
Tony Conrad: DreaMinimalist USA 2008

26. und 29. bis 31. 10. 2008
brut Foyer / Bar brut deluxe im Künstlerhaus
Research Station
mit Materialien zu Tony Conrad

 

 

 

Konzept und Programmauswahl
Michaela Grill, Berno Odo Polzer, Thomas Schäfer
* Der Titel ist Marie Losiers gleichnamigem
Dokumentarfilm entliehen.
Eintrittskarten
an den jeweiligen Abendkassen oder
an der Konzerthauskassa.

Tony Conrad DreaMinimalist ist eine Kooperation zwischen sixpackfilm,
Wien Modern, Österreichischem Filmmuseum, brut, Fluc und der
Akademie für Bildende Künste.