In Person
Miranda Pennell

 

Sonntag, 30. Mai 2010
20 Uhr im Metro Kino

im Rahmen von VIS Vienna Independent Shorts Film Festival 201



 

Filmprogramm

 

 


Was verbindet heruntergekommene Pubs, Walstücke und entlegene Wiesen, private Wohnzimmer, mer, zugefrorene Flüsse und funktionale Unterrichtsräume? Alles sind Tanzfl ächen; wenn man sie mit den Augen der britischen Künstlerin Miranda Pennell betrachtet. Denn Rhythmus findet sich allerorts und eine choreografierte Bewegung scheint nicht an Orte und Situationen gebunden zu sein. Selbst ein spontaner Ehestreit wird zu einem expressiven Tanzduell im farbüberströmten Wohnzimmer und exerzierende Soldaten geraten in den Sog einer (scheinbar oder tatsächlich) durchkomponierten Massenchoreografie.
Pennell gelingt mit ihrer Erforschung von Bewegungs-kompositionen in Alltagssituationen Erstaunen zu evozieren, aber auch immer wieder ein Schmunzeln zuzulassen.
So lassen sich ihre Filme als eine ungewöhnliche Art von Tanzfi lm beschreiben, wobei die Menschen, die sich in den Bildern bewegen, nicht in eine perfekt arrangierte Choreografi e gedrängt werden. Pennells Filme und Videos werfen vielmehr den Blick auf das Ritual und die spontane Performance im Alltäglichen.
Miranda Pennell, ursprünglich studierte Tänzerin, kreiert in ihren Videoarbeiten nicht nur einen Tanz im Bild, sondern auch einen Tanz mit dem Bild – von aufgebrachten Situationen bis hin zu ruhenden Momenten, die die Bewegung zu kontrastieren und betonen vermögen. Die tanzenden Menschen sind dabei nie für sich allein – sie tanzen für und mit der Kamera. Als Tänzerin ist Pennells Affinität zu Rhythmus und Musik sehr nahe liegend, es gelingt ihr zusätzlich, eine „Übersetzung“ der gefundenen Bewegungen in ein „filmisches Vokabular“ zu vollziehen. So verbindet sie die Regeln der beiden Kunstformen gekonnt miteinander und weiss die jeweiligen Möglichkeiten originell zu nutzen.
Bewusst arbeitet sie mit der Cadrage: der nicht sichtbare, aber fühlbare Raum außerhalb der Bildfläche bleibt stets präsent. Ebenso präzise funktioniert die Montage und die Soundebene, die in vielen der Videos ein vielfältiges – bisweilen beabsichtigt rätselhaftes – Spiel des Zeigens und Nicht-Zeigens beziehungsweise Hörens und Nicht- Hörens verfolgen.
In Pennells Arbeiten geht es stets um das Verhältnis zwischen (tänzerischer) Bewegung, Umgebung und Ton. Diese Drei-ecksbeziehung treibt sie in ihrem bislang jüngsten Video Drum Room (2007) auf die Spitze: Jugendliche Musiker üben an ihren Instrumenten (Schlagzeug, Gitarren, ...) in den sterilen Räumen einer Schule für angehende Rockmusi-kerInnen. Auch wenn sie in Gruppen sind, bleiben sie durch die Kopfhörer, die sie tragen, stets voneinander isoliert. In einer atemberaubenden Choreografie des Tons gibt Pennell den einstudierten Bewegungen der MusikerInnen erst ihren Sinn, wechselt zwischen akustischen „Innenräumen“ und den realen „Außenräumen“ und untergräbt dabei permanent die Wahrnehmung der ZuschauerInnen.
Einen ähnlich semidokumentarischen Zugang findet Miranda Pennell in ihrem mehrfach preisgekrönten Film Human Radio (2002): auch hier thematisiert sie den individuellen Umgang mit Musik und Tanz. So suchte sie per Inserat Menschen unterschiedlichen Alters und sozialen Hintergrunds und bat sie, zu einer Lieblingsmusik im vertrauten Umfeld des eigenen Wohnzimmers vor der Kamera zu tanzen. Die Filmemacherin schafft es dabei, die kleinen sehr persönlichen Glücks-momente dieser Menschen einzufangen, die ihnen deren Lieblingsmusik beschert.
Neben zahlreichen Festivaleinladungen (die Kurzfilmtage Oberhausen widmeten ihr bereits 2006 ein Tribute) sind Miranda Pennells außergewöhnliche Tanzfilme vermehrt auch im Kunstkontext gefragt. Miranda Pennell lebt und arbeitet in London. (Wiktoria Pelzer, Gerald Weber)



 

 

 

MONSIEUR X

UK 1990, Farbe, 9 min


Kamera: Sarah Cameron, Performance, Ton, Schnitt: Miranda Pennell
Miranda Pennells erste Auseinandersetzung mit Tanz und Film. Zur Musik von Webern, Schönberg und Poulenc und inspiriert von Dada und Expressionismus agiert Pennell hier selbst als Monsieur X in einer Serie choreografi erter Tableaus.


 
 

LOUNGE



 

UK 1995, Farbe, 6 min

Kamera: Seamus McGarvey, Schnitt: Tina Hetherington,
Musik: Aleks Kolkowski & Ian Hill
Tägliche Routine und Gesten werden durch den Rhythmus der Bewegung und die Geschwindigkeit der Filmbilder manipuliert. Die Bewegungen und Tänze, die sich im täglichen Leben der Familie von nebenan abspielen, bekommen etwas stark Rituali-siertes. Die „Lounge“ wird imaginiert als ein Innenraum, in dem jeder sich selbst ausdrücken kann.

 


 
 

TATTOO


UK 2001, sw, 9 min

Kamera: Nic Knowland, Schnitt: Phillip Kotlarski,
Ton: Graeme Miller
Wiesen, Bäume, Vogelgezwitscher und Insektensummen. Eine Landschaft in schwarz-weiß wird von einem exerzierenden Soldaten-Regiment eingenommen. Die Kamera folgt einer dem Exerzieren gegenläufi gen Choreografie und untergräbt die offiziellen Bilder soldatischer Selbstdarstellung. Die Schönheit und die Absurdität des militärischen Drills an diesem unpassenden Ort verweisen mit subtilem Humor darauf, dass Rituale alleine noch keinen Sinn produzieren.


 
 

HUMAN RADIO

UK 2002, sw, 9 min

Kamera: Mary Farbrother, Ton: Graeme Miller
Wohnzimmertanz, intime Momente des Glücklichseins in der Bewegung zur vertrauten Musik. Human Radio ist Miranda Pennells dokumentarischer Blick auf den ganz privaten Tanz hinter verschlossenen Türen. Das kontrastreiche Schwarz-weiß verweist auf den grauen Alltag in dem das Tanzen für die Glanz-lichter sorgt. Im Sommer 2001 suchte die Filmemacherin per Zeitungsannonce nach Menschen, die gerne im Schutz ihrer Wohnung zu ihrer Lieblingsmusik tanzen. Die vertrauten vier Wände werden zu engen Bühnen, gerahmt durch Türen und Mobiliar. Fast beiläufig umreisst Pennell in ihren Aufnahmen dabei auch die jeweiligen Lebenssituationen ihrer Protagonisten.


 
 

MAGNETIC NORTH


UK/Finnland 2003, Farbe, 9 min

Kamera: Marita Hallfors, Schnitt: Phillip Kotlarski,
Ton: Graeme Miller
Teenagerrituale in einer verschneiten finnischen Kleinstadt. Die Mädchen auf Schlittschuhen auf einem vereisten See und die Jungs zuhause mit ihren Gitarren. Die Verbindung entsteht mit der Musik und dem Ton: Im Walkman hören allesamt den gleichen Song und auch die Hochspannungsleitungen, die in die Weite der Welt verweisen, brummen wie die Seiten der E-Gitarren. Eine Ode an das Leben der Heranwachsenden.


 
 

FISTICUFFS



UK 2004, Farbe, 11 min

Kamera: Patrick Duval, Ton & Schnitt: John Smith
„In Fisticuffs spielt Pennell mit dem aus vielen Western vertrauten Klischee der Kneipen-Schlägerei und lotet dessen choreo-grafische Aspekte aus. Jedoch werden Schläge und Tritte nicht etwa in die schwerelose Anmut eines Balletts überführt. Im Gegenteil: Mit Hilfe professioneller Stuntleute, eines Kampf-choreografen und nicht zuletzt der Nachvertonung lässt Pennell es munter krachen. Zugleich aber entzieht sie den Realitätseffekten den Boden, etwa indem sie den Film nach Art eines Computer-spiels mehrfach beginnen lässt oder die Akteure im Bild verdoppelt.“
(Dirk Schäfer)


 
 

YOU MADE ME LOVE YOU

UK 2005, Farbe, 4 min

Kamera: John Smith
Einundzwanzig Tänzerinnen spielen ein Katz und Maus Spiel mit der Kamera. Den Kontakt zu verlieren könnte traumatisch sein.


 
 

DRUM ROOM


UK 2007, Farbe, 15 min

Kamera: Patrick Duval, Schnitt: John Smith
Leere Räume und Gänge eines vorerst undefi nierten funktionalen Gebäudes, das sich bald als Musikschule entpuppt und sich zunehmend mit Menschen füllt, die darin ihrer Profession nach-gehen. Die Belebung der Räume passiert dabei weniger durch die MusikerInnen selbst als durch die Töne, die sie produzieren und von denen sie bisweilen völlig losgelöst erscheinen.
„Mit visuellen Elementen wie rotierenden Drumsticks vor blauen Wänden illustriert Pennell in Drum Room die Idee, dass die Schönheit musikalischer Interpretation in der physischen Präsenz der Musiker liegt und in der Art und Weise, wie diese Präsenz den Raum erfüllt. Der Sound wird zu einer Form, die die Stille färbt.“ (Christian Borghino)


 


Eine gemeinsame Veranstaltung von
sixpackfilm und VIS Vienna Independent Shorts
Programm und Moderation:
Wiktoria Pelzer & Gerald Weber


VIS Vienna Independent Shorts:
27. Mai – 2. Juni 2010
Metro Kino
Johannesgasse 4, 1010 Wien
01 512 18 03
www.viennashorts.com