TOTÓ

Ein Film von Peter Schreiner

 



ab 26. März 2010 im Filmhaus Kino
Spittelberggasse 3, 1070 Wien, Tel: 522 48 16





 

 

 

 


 

TOTÓ

A 2009, sw, 128 min (OV mit dt. UT)
Regie, Buch, Kamera, Ton, Schnitt: Peter Schreiner
mit: Antonio Cotroneo, Angela Simonelli, Gaetano Dimarzo, Melo De Benedetto
Produktion: echtzeitfilm. ( www.echtzeitfilm.at )
Verleih: sixpackfilm



Nach der Personale zu Peter Schreiner bei der Diagonale in Graz, der Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig in der Reihe Orizzonti und einer Reihe von internationalen Festivaleinladungen wird sein neuester Film Totó auch in Wien den Auftakt seines österreichweiten Kinostarts haben.

Trotz verdienter Anerkennungen in den letzten Jahren ist der Wiener Peter Schreiner noch immer ein Geheimtip – dabei ist er viel zu gut, um ein Geheimtip zu sein. Schreiner folgt dem im Wiener Exil lebenden (und als Kartenabreisser im Wiener Konzerthaus arbeitenden) Totó auf Reisen in die kalabrische Heimat: Eine unbestimmte Sehnsucht treibt ihn an. Schreiners Film ist keine Erzählung, sondern eine Erfahrung: In langen Einstellungen und bestechend schönen Schwarz-Weiss-Kompositionen wird tief in die Welt von Totó eingetaucht. Ein außerordentlich bewegender Film. (Christoph Huber, Die Presse)

TOTÓ ist ein Film reiner Kontemplation. Die Zeit steht still und die inneren Stimmen flüstern uns ins Ohr. Totó, der zwischen zwei Kulturen lebt, ist auf der Suche nach seinen Wurzeln. Peter Schreiner hatte den Mut, einen formal präzisen Film über eine Person, die wir sonst nie wahrnehmen würden, zu drehen. Er führt uns auf eine innere Reise in die verlorene Identität und Kindheit. (Jury-Begründung für den Hauptpreis beim internationlen Dokumentarfilmfesival ZAGREBDOX'10)

 

Nahaufnahme eines Unbehausten

Antonio Cotroneo, ein Mann um die fünfzig, den in seiner kalabrischen Heimatstadt alle Totó rufen, lebt seit Jahrzehnten im selbst gewählten Exil. Mittlerweile verheiratet mit einer Österreicherin und Vater von vier Söhnen, verdient der studierte Politologe sein Geld als Saalwächter im Wiener Konzerthaus. Solche biografischen Daten interessieren Peter Schreiner in seiner filmischen Nahaufnahme des Menschen Totó allerdings nur am Rande. Totó, der Film, versteht sich vielmehr als Auffangschale für die Gedanken und Stimmungen des Protagonisten.
Mit der Kamera begleitet Schreiner, zugleich auch Tonmann und Regisseur, Totó auf seinen Bahnreisen zurück in die alte Heimat. Während dieser mal in eigenwilligem Deutsch, mal auf Italienisch der eigenen, unbestimmten Sehnsucht Ausdruck gibt, ruht das Kamerabild auf den Details seines Gesichts: den buschigen Brauen, den blinzelnden Augen, der trotzig vorgewölbten Unterlippe. Ebenso nah wie das Bild rückt Totó dabei der Ton: Oft ist es nur sein Atem, der die Tonspur füllt, ein Seufzen und Stöhnen, als trüge jemand eine schwere Last. Das Werkzeug der Sprache allerdings erweist sich als unzureichend, in Totós Bemühen, das Wesen dieser Last zu fassen.
Totós Welt ist eine Welt der Zwischentöne. Nicht Heiterkeit, nicht Trauer bestimmen seinen Alltag, sondern die stete Melancholie des Außenstehenden, der das aktive Leben der anderen mit geschärften Sinnen wahrnimmt, ohne es zu teilen. Schreiner filmt Totó bei der Arbeit im Konzerthaus. Leicht schief lehnt er zwischen Marmor und Spiegeln an der Treppe; gleich einem zu schnell aufgeschossenen Jungen wirft die Livreehose über den Knöcheln Falten. Durch das plaudernd hinabströmende Publikum fokussiert die Kamera auf den Mann mit den Programmheften: Der nachdenkliche Einzelne, abgelöst vor der Bewegung der Masse. Ein Sujet atmosphärischer Entfremdung, wie es Edouard Manet in seinem letzten großen Gemälde „Bar in den Folies-Bergère“ festhielt: das ernste Mädchen hinter der Bar des Vergnügungs-Tempels. Hier wie dort ein Mensch, der bei sich ist, in einer Welt der Spiegel.
Wie Manet arbeitet auch Schreiner in seinem Porträt des anwesenden Außenstehenden mit den Zwischentönen des Lichts. Dazu wählt er, wie in all seinen Filmen seit 1982 Filmmaterial in Schwarzweiß.
Die schmuck-polierten, marmorverkleideten Hallen des Wiener Konzerthauses kontrastiert der Filmschnitt mit den schroffen Felsen von Totós Heimatstadt Tropea, einer Ansammlung mittelalterlicher Häuser, die sich hoch über dem tyrrhenischen Meer an eine Klippe krallt: Hier sei seine Heimat, sagt Totó, hier sei er früher beschützt gewesen. Von unten durch sein Meer. Von oben durch den Himmel.
Heute jedoch bezeugen die Reaktionen der Menschen, die Totó auf seinen Spaziergängen trifft, dass er selbst zum Fremden geworden ist. Er, der über die Touristen im malerischen Tropea sagt, nie könnten sie den Ort begreifen, ist mit den Jahren selbst Tourist geworden, in den Räumen der eigenen Erinnerung. So streift Totó durch die Gassen, besucht die dunklen Kalksteinhöhlen, plauscht mit dem letzten Fischer von Tropea und Melo, dem zahnlos gewordenen Jugendfreund, und bleibt doch unbehaust beim Versuch die eigene Seele wieder einzuquartieren in den zu klein gewordenen Räumen der Kindheit.
(Maya McKechneay)