Online-Katalog / Matthias Müller / Christoph Girardet :

Kristall
DE / 2006
14 min.

Kristall entwirft ein Melodram in klaustrophobisch anmutenden Spiegelkabinetten. Wie ein anonymer Betrachter observiert der Spiegel Szenen von Intimität. Er erzeugt ein Bild im Bild, das den Figuren einen Rahmen gibt. Gleichzeitig lässt er sie uneins mit sich selbst und vielfach gebrochen erscheinen. Das Instrument der Selbstvergewisserung und narzisstischen Inszenierung wird zu einem machtvollen Gegenspieler, das Gefühl von Fragilität, Zweifel und Verlust verdoppelt.

(C.G. / M.M.)


Ein Juwel. Begegnung mit einem Geheimnis, umso schöner, als es sich ziert und nicht preisgibt. Matthias Müller und Christoph Girardet (...) öffnen ihr cineastisches Schmuckkästchen und breiten vor uns aus: eine brillant blitzende Schnur, an der Filmeinstellungen wie Solitäre aufgereiht sind. Augenblicke aus Kristall, wie ihre gewohnt hinreißende Montage heißt, die auch nach Cannes geladen wurde. Wir sehen Frauen und Männer – Ikonen, Idole, die sich in ihren Räumen, ihren Tränenpalästen wie in einer einzigen eleganten und bestürzenden Dreh- und Wiegebewegung – Die Unglücklichen ketten sich so gern aneinander heißt es bei Lessing – dem Fluss der Kamera und der nachträglichen Schnitt-Konstruktion und Manipulation hingeben. Und sich erschrocken umwenden, als sähen sie etwas Furchtbares. Das Schlimmste aber, dessen sie angesichtig werden können, sind sie selbst. Die Ich-Beschau, die Selbst-Begegnung wird zum Jekyll-und-Hyde-Erlebnis und zur Vanitas-Erfahrung wie auf einer Allegorie der Melancholie. Zu den sich darstellenden Schattenwesen und Narzissen des Starreigens gehören die Bergman, Crawford, Davis, Garbo, Knef, Loren, Mangano, Moreau, Novak und Taylor, auch der von Cocteau begehrend fotografierte Jean Marais. Der Spiegel ist ihrer aller Requisit. Nach seinem Bild greifen sie, an ihm zerbrechen sie, ihn zerschlagen sie, während der hohe, sirrende, bohrende Ton einer Glasharfe erklingt. Gewalt und Leidenschaft sind in diesem kunstvoll gestalteten Melodram, diesem intimen Drama eines phantastischen Fatalismus Haltung und Handlung.

(Andreas Wilink)


In den Spiegeln, so heißt einer der meist zitierten Sprüche von Jean Cocteau, könne man dem Tod bei der Arbeit zusehen. Für Kristall von Christoph Girardet und Matthias Müller könnte man ihn abwandeln und sagen, darin sehe man den Spiegeln bei der Arbeit zu. Ihr in Cannes mit dem Kurzfimpreis ausgezeichneter viertelstündiger Film versammelt Szenen aus der Filmgeschichte, in denen Spiegel zu sehen sind. Durch die Beharrlichkeit, mit der sie ins Bild gerückt werden, bekommen die Spiegel bald ein Eigenleben. Sie werden zu einem einzigen großen Auge, das in die Welt hineinglotzt und den Gespiegelten nach und nach alles Leben auszusaugen scheint. So gesehen verrichten die Spiegel tatsächliches ein tödliches Werk. Wie immer bei Girardet und Müller geht es nicht ums Sammeln allein, sondern darum, den Fundstücken einen Rhythmus und vor allem eine Geschichte abzuringen. Anfangs sieht man Szenen, in denen Männer vor dem Spiegel Frauen von hinten Ketten um den Hals legen, und schon die Multiplikation dieser Geste ersetzt den Wiedererkennungseffekt durch ein Erschauern über das Besitzergreifende dieser Geste. Selbst das Klimpern des Schmucks bekommt schnell eine gläserne Scharfkantigkeit. Im nächsten Moment sind die Figuren verschwunden, der Blick in den Spiegel zeigt ein Bett und den Schmuck, dessen Funkeln nur noch ein leeres Versprechen ist. Zum enervierenden Ton einer Glasharfe sieht man dann die Frauen allein vorm Spiegel, die im Anlegen des Schmucks dem Echo vergangenen Glücks nachspüren, ihr aussehen kontrollieren oder den Lippenstift nachziehen, und Männer, die vor ihrem eigenen Spiegelbild verzweifeln oder es gleich zerschlagen, als wollten sie es für falsche Verheißungen verantwortlich machen.

(Michael Althen)

Ein Film von:
- Matthias Müller
- Christoph Girardet

Kategorie:
- Avantgarde/Kunst

Orig.Spr.:
- Kein Dialog

Available Prints:
- Digital File
- 35 mm

Preis: 80 EUR

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