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Those Shocking Shaking Days
AT / BA / 2016
88 min.

Ist die kritische Betrachtung eines Krieges zum Beispiel durch Poetizität oder durch Visualität zu bewerkstelligen oder wäre es ratsam eindeutige Begriffe und Bilder zu Gunsten der kritischen Betrachtung eines Krieges tendenziell auszulassen? Wenn in einem Text oder einem Film, vermittels seiner Machart, scheinbar die Referenzialität zum Realen fehlte, wäre somit auch eine Wahrheitssuche überflüssig, da sich darin keine Bezugspunkte zum Tatsächlichen – dem Gräuel beispielsweise – finden ließen? Oder würde eine dahin tendierende Machart eines Textes oder eines Films Rückschlüsse auf die Problematik des Versuchs einer Beschreibung, eines Zeigens der Komplexität des Bösen zulassen?
(Selma Doborac)


Those Shocking Shaking Days von Selma Doborac
„Welcher Freischärlerbefreiungseinheit würden Sie sich anschließen, wenn Sie zwischen zwei möglichen Stilen der Befreiungsarbeit wählen könnten?“, heißt es gleich zu Beginn in Selma Doborac’ Film-Essay, das die folgenden etwa 80 Minuten lang mit nicht nachlassender Intensität die Frage stellt, ob sich das Phänomen Krieg, jenes Medusenhaupt, dem unentwegt ein weiterer Strang menschlichen Abgrunds zu entwachsen scheint, mit filmischen Mitteln denn überhaupt darstellen lässt. Wer fühlt sich von dieser Frage angesprochen? Wer weiß, was er sich darunter vorzustellen hat?
Bereits diese ersten paar Worte, die über die Aufnahme eines sorgfältig verbarrikadierten Rohbaus geblendet werden, machen ein paar Dinge klar: Dass Fragen immer neue Fragen produzieren etwa oder dass vom Zuschauer erwartet wird, sich an der Suche nach Antworten zu beteiligen. Dieser sich ständig aus sich selbst heraus erneuernde Prozess wird zu so etwas wie dem Triebwerk dieses Films und der mit ihm einhergehenden Texte, die Selma Doborac ausnahmslos alle als Fragen formuliert und zum überwiegenden Teil in Form vom Texttiteln im Filmbild erscheinen, an mancher Stelle aber auch in der Manier sachlicher Berichterstattung einsprechen lässt.
In welchem Tonfall erzählt man von Geschehnissen, die unser aller Fassungsvermögen übersteigen, ohne dass ein Satz dem vorhergehenden widerspricht? Wie distanziert man sich von dem, was von sämtlichen Besserwissern bereits gesagt wurde, ohne sich in die Verschwiegenheit zurückzuziehen? Fehlende Erfahrungswerte entbinden schließlich nicht von der Verantwortung, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und: Lässt sich überhaupt von einer solchen sprechen, solange man sie für sich behält?
Selten führte ein Film das für uns Menschen symptomatische Ringen zwischen emotionaler Überforderung und intellektuellen Verarbeitungsmechanismen derart drastisch vor Augen. Unermüdlich legen sich sprachliche Formulierungen über Bilder, stellen sich dem reinen Anschauen geradezu in den Weg, als wollten sie darauf hinweisen, dass es erst noch etwas zu bewältigen gäbe, ehe man sich den ergreifenden Bildern überlasse, deren Wortlosigkeit vom Betrachter als Aufforderung missverstanden werden könnte, er möge das Denken vorübergehend abschalten. Und umgekehrt: Was vermag die Sprache angesichts bestimmter Bilder?
Als Beispiel für Krieg und seinen Kontext dient Selma Doborac der Bosnienkrieg der 1990er Jahre, in dessen Zusammenhang die Medien eine bis dahin nicht erreichte Rolle spielten. Folgerichtig spricht sie den Zuschauer als medialen Empfänger an und damit in einer Eigenschaft, die ihn, ohnmächtig gegenüber einer Unzahl kritiklos konsumierter Bilder, in gewisser Weise bereits zum Kriegsteilnehmer hat werden lassen.
Den Krieg zitiert Selma Doborac anhand authentischen VHS-Materials, das inmitten des Krieges aufgenommen wurde. Zwei Formen der Dokumentation des Kriegsgeschehens treffen dabei aufeinander: Ein Teil erweckt den Anschein, er sei für die mediale Aufarbeitung angefertigt worden, der andere stammt von ortsansässigen Chronisten. Den Folgen dieses Krieges widmet sie sich, neben einer Fülle unterschiedlichen Textmaterials, in von ihr erstellten, dokumentarischen 16mm-Bildern, die mit Architektur angereicherte Landschaften zeigen. Auf diesen Bildern lässt sich Natur dabei beobachten, wie sie Terrain zurückerobert. Scheinbar unaufhaltsam bemächtigt sie sich der im Verlauf des Films immer deutlicher von Auflösung und Verfall gekennzeichneten Häuser, die verlassen werden mussten, in die niemand mehr zurückkehrt, weil ihrer Architektur Gräueltaten eingeschrieben sind. Buschwerk hat sich über Ruinen gelegt, verbirgt die ehemaligen Zugänge unter wucherndem Gestrüpp und überantwortet die Gebäude so allmählich dem Verschwinden. Sträucher fordern sachte im Wind nickend dazu auf, weiterzugehen.
Those Shocking Shaking Days von Selma Doborac ist bei alledem auch ein Film übers Filmemachen, über den Anspruch, aus dem privaten Mikrokosmos herauszutreten und sich mit den Waffen der Ästhetik furchtlos einem überdimensionalen Thema zu stellen.
(Hanno Millesi)

Ein Film von:
- Selma Doborac

Kategorie:
- Essay

Orig.Spr.:
- Deutsch

Available Prints:
- DCP - 2k
- DCP - 2k

Preis: 300 EUR

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