Online-Katalog / Hito Steyerl :

Lovely Andrea
JP / AT / DE / 2007
30 min.

Wenn alle Bilder gegenwärtig werden, indem sie vorübergehen und dabei, elegant oder obszön, durch Übersetzung oder Assoziation, miteinander verknüpfbar sind – wie lässt sich dann ein Bild festmachen? Um elegant-obszönes Festmachen durch Verknüpfung geht es in Hito Steyerls fröhlichen Bild-Übersetzungen: In Tokyo sucht sie nach einer Fotoserie, für die sie 1987 als "Rope Bondage"-Model posiert hat. Auf Recherche bei Kennern und Meistern der (heute vor allem im Netz vermarkteten) Fesselungskünste wird sie in einem Zeitschriftenarchiv fündig. Die filmische Spannung sei gerade extrem hoch, sagt die Dolmetscherin, während Steyerl Fotos ihrer selbst aus filmstudentischen Tagen durchsieht. Eine Festmachung, aber keine biografische Letztoffenbarung; vielmehr gerät der Bilderfund selbst in den Sog eines informell vernetzten Archivs des medialen Lebens mit Bondage – im Sinn dessen, dass Herr-und-Knecht-Spiele, wie es heißt, alltagsnormal sind.

Citizen Kanesche Detektivik kreuzt Bild-Kaskaden der Klugeschen Art, dazu Fetzen von Superhelden-Cartoons, Depeche Mode, X-Ray Spex, Girls mit Nadel und Faden im Videoclip-Sweatshop. Einst galt Bilder-Zensur verschnürten Models, heute trifft sie den "Spider-Man"-Teaser mit dem zwischen den Twin Towers gespannten Netz; manche Fesselungen sind Kriegsverbrechen, andere nehmen den Platz der Kunst ein. Und die Dolmetscherin, selbst Bondage-Model, Studentin (des Web Design!) und eben Übersetzerin, nimmt als Alter Ego den Platz der Filmemacherin ein; sie schwebt im Akt der Selbstbestimmung qua self-suspension. Selbst-Suspendierung, das geschieht in der Historie wie auch, als gewendete, in Steyerls Montage: von Gesicht und Identität zum "Genital", nicht als Anblick verstanden, sondern als Logik der (freizulegenden) Herkunft, der Auflösung medialer Klischees in Macht-Fragen und – in den Production Shots, die den Film rahmen – der Erlösung der Pose in der Panne.


Drehli Robnik


"Lovely Andrea erzählt von der Suche nach einer Fotografie, die 1987 in Tokio aufgenommen wurde. Diese zeigt die Künstlerin halbnackt und mit Hanfseilen gefesselt - ein Bondage-Bild im sogenannten Nowa-shibari-Stil, für den das Fesseln und Hängen von Frauen charakteristisch ist. Japanisches Seilbondage, das heute ein Subgenre der Pornografie ist, entwickelte sich aus den Martial Arts. Genannt wurde es hojojutsu: die Kunst, ein Seil zu benutzen, um Kriminelle zu fangen, zu transportieren und auch zu foltern. Von Anbeginn ein ästhetischer Akt, wird dieser Praxis erst im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine sinnlich-erotische Dimension zugeschrieben.

"But in a wider context, there is bondage all over the place", heißt es an einer Stelle des Videos, das Bilder japanischer Bondage-Girls, des amerikanischen Superhelden Spiderman und gefesselter Häftlinge im US-Militärstützpunkt Guantánamo Bay aneinander montiert. Die assoziative Verschränkung von Lust und Knechtschaft, williger Unterwerfung und Inhaftierung, Abhängigkeiten und Netzwerken, Verstrickungen und Seilschaften und schließlich der Jagd nach VerbrecherInnen lädt zu einem mehrfachen Gedankenspiel ein: Wer zieht die Fäden? Wer ist Marionette? Und was hat es mit den Bildern auf sich?
In Lovely Andrea wird Bondage zum dialektischen Bild, das auch die prekäre Rolle der fotografischen und filmischen Dokumentation vergegenwärtigt: Die Lust auf Bilder schafft Fakten und produziert Realitäten. Die Bilder selbst sind Komplizen der hegemonialen Wahrheit und damit unauflöslich in Machtverhältnisse verstrickt.

Manuela Ammer

Hito Steyerl's 2007 film Lovely Andrea follows the artist as she returns to Japan, where she briefly worked in the 80s as a bondage model under the assumed name Andrea, to search for a photograph of herself. Steyerl interleaves the narrative with film clips that include superheroes Spider-Man and Woman with cultural and political references to bondage, including samurai practices, popular music videos and images of Guantanamo inmates. Lovely Andrea is played out like a psychological thriller in which Steyerl is both detective and missing subject.

Ein Film von:
- Hito Steyerl

Kategorie:
- Dokumentarfilm

Orig.Spr.:
- Japanisch

Available Prints:
- Betacam SP PAL

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