Online-Katalog / Katarina Matiasek :

Ur-Geräusch
AT / 2007
14 min.

Den wahrscheinlich poetischsten Einfall für eine Phonographenanwendung zeichnet Rainer Maria Rilke "am Tage Mariae Himmelfahrt 1919" in Soglio auf. Die Idee, die Nadel des Phonographen über eine Spur zu lenken, "die nicht aus der graphischen Übersetzung eines Tones stammte, sondern ein an sich und natürlich Bestehendes (…) wäre" - wobei Rilke vor allem an die Kronen-Naht des Schädels denkt. In die Tat umgesetzt entstünde, was im selben Text als "Ur-Geräusch" bezeichnet wird: ein Ton, eine Ton-Folge, eine Musik als Resultat der Dekodierung einer Spur, die niemals kodiert wurde. Bereits Friedrich Kittler hat an Rilkes Text den hohen Grad an medialer Reflexion hervorgehoben, geht es in diesem doch um nichts weniger als um eine Erweiterung der Gebiete des sinnlich Wahrnehmbaren, zu der ausdrücklich weder die Dichtung noch die Wissenschaft in der Lage sind. Ist es das (digitale) Video?

Katarina Matiasek scheint davon auszugehen: Freilich unter der Bedingung, dass sie Rilkes Einfall nicht einfach realisiert, sondern als Mittel- und Ausgangspunkt einer Reflexionsbewegung annimmt, die geeignet ist, die vom Video selbst etablierte Ordnung der Sinnlichkeit jenen Abgründen auszusetzen, die Rilke zufolge zwischen den Sinnen bestehen. Das beginnt mit dem Geräusch, welches das Einlegen einer Tonbandkassette in ein Abspielgerät macht (dieses wäre, sofern die Kassette jene Stimme speichert, die Rilkes in Büchern aufgezeichnete Worte zu Gehör bringt, gewissermaßen das Ur-Geräusch des Videos) und endet beim Unentscheidbaren der Frage, wie man die Bergkämme, Buchrücken und Schädelnähte, die das Video zeigt, denn nun auffassen soll: Als Resultat einer Kodierung, als Resultat einer Dekodierung oder als beides zugleich?

(Vrääth Öhner)

Ein Film von:
- Katarina Matiasek

Kategorie:
- Essay

Orig.Spr.:
- Deutsch

Available Prints:
- Betacam SP PAL

Preis: 56,00 EUR

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