Online-Katalog / Johann Lurf :

VERTIGO RUSH
AT / 2007
19 min.

Im Zusammenspiel von Natur und (optischer) Maschine wird Verborgenes sichtbar. Das perverse Bild jener aus Lichtblitzen gebildeten künstlichen Sonne am Ende dieser Arbeit ist nichts als die Verwischung einer bewegten, in die Tiefe eines Waldstücks blickenden Filmeinstellung - und als visuelles Potenzial darin immer schon enthalten. Die technisch aufwendige Versuchsanordnung VERTIGO RUSH besteht aus einer Serie von dolly zooms: einer Folge von in Einzelbildern aufgenommenen Kamerafahrten vorwärts und rückwärts, bei gleichzeitigem Zoom-Einsatz in jeweils gegenläufiger Richtung. Die optische Täuschung des sich zusammen schiebenden Raums wird durch zunächst sanfte, später drastische Beschleunigung dieser Pendelbewegung intensiviert - und stufenlos der Abstraktion überantwortet, in ein "sich auflösendes" Bild überführt.

VERTIGO RUSH lässt - mehr noch als an Hitchcock, der vor einem halben Jahrhundert die Technik des dolly zoom in Vertigo etabliert hat - an die kühnen Wahrnehmungsexperimente des New American Cinema der 1960er Jahre denken, insbesondere an Michael Snows strukturalistische Raum- und Bewegungsstudien, von denen eine auch diesen Film benennen könnte: Back and Forth. Die scheinbar so simple Grundsituation entfaltet genuin kinematografische Wirkung: Während in der - erst unterschwelligen, bald nervös pochenden - Sinustonspur die Frequenz stetig erhöht wird, dehnt und verdichtet sich der Raum, als wäre er digital animiert, während das kaum kontrollierbare Spiel des Tageslichts seine (dokumentarischen) Spuren sogar in diesem System strengster filmischer Reglementierung hinterlässt. Mit der Geschwindigkeitsanhebung (und dem Einbruch der Dunkelheit) im zweiten Teil des Films verengt sich der Bildraum zum nächtlichen Schock-Korridor. VERTIGO RUSH mündet in die reine Raserei der perspektivischen Verzerrung, in den kontrollierten Rausch der Geschwindigkeit: die serene velocity des entfesselten Maschinenblicks.

(Stefan Grissemann)


Johann Lurfs Auseinandersetzung mit dem erstmals von Hitchcock in Vertigo angewandten Verfahren des «dolly zoom» (eine Kamerafahrt und ein Zoom in zueinander entgegengesetzer Richtung), gerät zu einer berückenden Liebeserklärung an das Kino und an die Reichhaltigkeit der Filmsprache: Als überaus wirksamer Schock-Effekt in zahlreichen Kinofilmen (Jaws, Goodfellas) verwendet, steht der Drehschwindel ("vertigo") experimentierfreudige zwanzig Minuten lang erfahrbar im Mittelpunkt, seine medizinische Beschreibung gerät in Vertigo Rush zur Kinophilosophie: Ein Phänomen aus widersprüchlichen Informationen an Sinnesorgane, die am Gleichgewichtssinn beteiligt sind.

(Produktionsnotiz)


Johann Lurfs fulminante Studie VERTIGO RUSH greift auf den von Alfred Hitchcock für den gleichnamigen Thriller entwickelten „Vertigo“-Effekt zurück. (Während die Kamera auf Schienen nach vorne führt, wird das Zoom synchron in die entgegengesetzte Richtung geöffnet. Der Bildrand bleibt dabei statisch, durch die dynamische Veränderung der Brennweite wird der Bildraum scheinbar zunehmend „tiefer“.) Johann Lurf, der gerade sein Studium bei Harun Farocki an der Akademie der Bildenden Künste in Wien abgeschlossen hat, setzt dieses Verfahren des „dolly zooms“ ein, um eine strukturelle Analyse kinematografischer Prozesse durchzuführen. Er konstruierte hierfür ein höchst aufwendiges, technisches Setting: Der Filmemacher installierte Schienen in einem Waldstück, auf die er eine von einem Computer angesteuerte Kamera montierte. Die Kamera fährt nun beständig auf den Schienen vor und zurück und das Zoomobjektiv wird permanent geöffnet oder geschlossen. Die Geschwindigkeit mit der dies passiert wird kontinuierlich gesteigert. Die Frequenz der Kamerabewegung und des Zooms sind voneinander autonom, wodurch sich additive wie subtraktive Muster ergeben. Gegen Ende des Filmes sind aufgrund der Aufnahmegeschwindigkeit und der Belichtungszeiten nurmehr pulsierende, sternförmig in der Bildmitte zusammenlaufende Linien zu erkennen, welche Erinnerungen an den Science Fiction Klassiker „2001“ (Stanley Kubrick, 1968) wachrufen. Die Naturaufnahmen unterlegt Lurf mit einem rein synthetischen Sinuston, dessen Lautstärke und Frequenz sich ebenfalls kontinuierlich erhöhen. Das faszinierende an diesem „Testton“ ist, daß er bei jeder Vorführung anders klingt. Es werden die Limits der jeweiligen Tonanlagen ausgereizt und somit an jedem Ort unterschiedliche Klangereignisse generiert. Neben den bereits genannten Referenzen muß an dieser Stelle auch noch der strukturelle Film der 1960er Jahre angeführt werden. Allen voran dürfte Lurf von den Experimenten des Canadiers Michael Snow beeinflußt gewesen sein, zu dessen Filmen wie „<--->“ (Back and Forth, 1969) oder „la région centrale“ (1971) eine klar ersichtliche Verwandtschaft besteht.

(Norbert Pfaffenbichler im Ausstellungskatalog zu Cineplex in der Secession)

Ein Film von:
- Johann Lurf

Kategorie:
- Avantgarde/Kunst

Orig.Spr.:
- Kein Dialog

Available Prints:
- DCP 2K

Preis: 76 EUR

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