Online-Katalog / Selma Doborac :

Es war ein Tag wie jeder andere im Frühling oder Sommer.
AT / BA / 2012
17 min.

In Es war ein Tag wie jeder andere im Frühling oder Sommer. spürt der Ich-Erzähler in drei kurzen Episoden den Erlebnissen vierer miteinander in Verbindung stehender Personen nach; diese haben sich während eines Bombardements im Zuge des Bosnien-Krieges im Jahr 1992 ereignet. Teils durch die Schilderung einer erinnerten Vergangenheit, die sich in Form eines schriftlichen Abrisses als sequenziell ablaufende Text-Spur im Filmbild vollzieht, indes auch teils durch die Mise-en-Scène der beschriebenen Landschaft im Jetzt, die in permanenten Kamerafahrten sucht das Erählte am Ort per se in Bilder zu gliedern. Im Widerspiel des Gelesenen zum Gesehenen entsteht eine Versuchsanordnung von Darstellung und wird zwangsläufig zum ungelösten Gesamtbild, wenn die Textebene nicht nur manches Mal die Bildebene hemmt, sondern allmählich auch selbsttätig das Erinnerte überschreibt. Die in Titel gefassten Erinnerungsschichten (de)konstruieren die Nicht-Vermittelbarkeit, die in Fahrten gelegten Landschaftsbilder betiteln und verschenken während dessen die Nicht-Abbildbarkeit von (kriegerischen) Handlungen.
(Selma Doborac)


Es war ein Tag wie jeder andere im Frühling oder Sommer.
Eine Fahrt, gefilmt aus einem Auto, der Blick nach vorne, durch die Windschutzscheibe, frontal, auf eine Landschaft wie viele – hügelig, einige Bäume, verstreute Häuser, bald wird daraus eine Stadtrandzone, ein Industriegebiet, dann eine Stadt voll von Lücken, Ruinen wie Rohbauten wie frisch hochgerissen dreinschauenden Häusern. Vor allem aber: kein Ton, absolute Stille; wenn man etwas hört, dann ist es vielleicht der Atem eines Menschen nahebei im Raum. Es bleibt lange bei dieser Perspektive, wobei sich die Einstellung leicht ändert, wie an den ruhenden Scheibenwischern zu sehen ist; später werden auch Blicke seitlich aus dem Auto kommen, Seiten-Blicke; Frontal-Blicke und Seiten-Blicke wechseln sich ab gemäß dem Reimschema F-S-F-S-F; und mit jeder Blickwandlung einher geht eine Wendung, Weitung in der Erzählung, die man am unteren Rande des Kaders verfolgt – vielleicht glaubt man aber auch nur, dass sich etwas in der Handlung dreht, weil sich ja der Blick ändert.
Die Geschichte selbst handelt davon, was drei Mitgliedern einer Familie an einem Tag etwa zur selben Zeit an drei verschiedenen Orten einer Stadt zustieß und wie sie sich dessen erinnern, wie sie diese Erinnerungen in Worte fassen, füreinander, und wie im weiteren dann, später, diese Erlebnisse noch einmal zusammengefasst werden zu einer Erzählung –Zerinnerungenschichtungen.
Fahrten, Landschaften, deren Verortung zueinander spielen darin eine Rolle; ebenfalls, wie wirklich oder nicht sich die Realität und der Zeitverlauf und die Orte dabei anfühlten; manchmal wirkt die Geschichte besonders glaubhaft, wenn ein Wort darin zu etwas grad Sichtbaren passt – „Mauer“. Es wird nie gesagt, wo das war; aus den mannigfaltigen Schriftzügen, die durch den Film verteilt sind, schließt man, es müsse in jener Region, die einst SFR Jugoslawien hieß, gewesen sein – genauer: in einem jener Länder, in denen Krieg war, lange; Worte wie „Handfeuerwaffen“, Kriegszustandsbeschreibungen beflügeln dies. Wahrscheinlich war es das auch, wenn die Geschichte wahr ist und nicht allein wahrhaftig. Es muss aber nicht. Hätte es Töne, wäre die Zuverortung einfacher, doch das soll sie nicht sein. So wie es auch nicht leicht sein soll, dem Text zu folgen, der sehr literarischer Gestalt ist, sehr viel Aufmerksamkeit verlangt deshalb. Untertitel – ab und an nur ein Wort, manchmal dreizeilig, drittelbildfüllend.
Aufregend ist, wie graphisch der Satz wirkt, wie dramatisch im Ausdruck ob seiner Zerteiltheit, der dadurch notwendigen Interpunktion, die einzelne Satzstücke zu Sprach-Bildern macht. Manchmal sieht man die Welt dahinter nicht mehr, legt sich der sprachliche Ausdruck über das, was man sehen könnte – die Erzählung als Buchstaben-, Wort-, Syntax-Fresko überlagert buchstäblich bildlich die sichtbare Gegenwart. Es bedarf allerhand Mühe, wieder hinter die Sprache auf die Landschaft zu schauen.
(Olaf Möller)

Ein Film von:
- Selma Doborac

Kategorie:
- Essay

Orig.Spr.:
- Deutsch

Available Prints:
- DCP 2K
- HDCAM
- DCP 2K
- HDCAM

Preis: 68 EUR

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