Online-Katalog / Jannis Lenz :

Schattenboxer
AT / 2015
18 min.

Unter Schattenboxen versteht man ein Element des Trainings, bei dem der Boxer mit seinem Spiegelbild trainiert. Ein Schattenboxer ist also einer, der mit sich selbst kämpft.
Schattenboxer nennt Jannis Lenz die Titelfigur seiner 17-minütigen Kurzporträts, in dem der 23-jähriger Ahmet Simsek an einem Wendepunkt steht. Ahmet ist Kickboxer und erhält nach einer Tätlichkeit eine bedingte Haftstrafe und eine letzte Chance: Wenn er ein Antigewalttraining positiv absolviert, erspart er sich das Gefängnis.

Schwierigkeiten bahnen sich bereits im ersten Gespräch mit seinem Sozialarbeiter an: Ob es okay sei, wenn wir Du sagen, fragt der Sozialarbeiter, und Ahmet ringt sich ein „passt“ ab. Doch das es nicht passt, wird im Zuge der weiteren Unterhaltungen klar, wenn Ahmet wieder in das formale Sie zurück fällt und sich über die Sprache eine Distanz heraus schlagen will, von der die Sozialarbeiter nichts wissen wollen. Sie suchen die Nähe zu einem, dessen Liebe zum Kampfsport den Bezug zu seiner unmittelbaren Umgebung definiert. Ahmet befindet sich permanent im Modus des angriffsbereiten Boxers. Berührungen finden in Form eines kontrollierten Schlages innerhalb des Boxringes statt. Und selbst da verletzt der Protagonist die Regeln mit seinen Aggressionsausbrüchen.

Jannis Lenz arbeitet für Schattenboxer mit einem Laien – Ahmet Simsek – und basiert seinen Kurzfilm teilweise auf dessen Lebensrealität. Er begleitet ihn zu seinen (realen) Boxstunden und zum (fingierten) Antigewalttraining und lässt dadurch den Eindruck einer Grenzverwischung zwischen Dokumentation und Fiktionalität entstehen. Gleichzeitig verzichtet er auf Psychologisierung seiner Figur und beobachtet vielmehr dessen Reaktionen auf seine Umwelt..

Gekonnt changiert Lenz seine Szenenfolgen zwischen Gesprächssituationen und Training. Mit agiler Kamera folgt er seinem Protagonist, der sich selbst in erster Linie körperlich wahrnimmt und im Finale der Therapie in die Mangel genommen wird. Er muss sich in die Mitte setzen, während die Gruppe einen engen Kreis um ihn schließt. In dieser Engführung zwischen der Lebenswelt des Protagonisten – dem Boxring – und der Strategie der verbalen Einkreisung, macht Lenz eindrucksvoll den therapeutischen Sprachgebrauch als intensive körperliche Erfahrung spürbar.
Am Ende fährt Ahmet Simsek in einem Aufzug nach oben, dessen Kabine drohend die Enge einer Gefängniszelle antizipiert. Die Fahrt endet im Schwarzbild, doch die Tonspur erzählt optimistisch davon, wie er die Tür öffnet und hinaus ins Freie tritt. (Alexandra Seibel)

Ein Film von:
- Jannis Lenz

Kategorie:
- Kurzspielfilm

Orig.Spr.:
- Deutsch

Available Prints:
- DCP 2K

Preis: 72 EUR

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