Online-Katalog / Bernhard Braunstein :

ATELIER DE CONVERSATION
AT / FR / LI / 2017
72 min.

Was ein Klischee sei, wird einer gefragt. Die Antwort: „Eine Haltestelle der U-Bahn-Linie 13.“ So beginnt ATELIER DE CONVERSATION: mit einer so unbeabsichtigt wie präzisen Fehlverbindung, in der aus dem cliché die Place de Clichy wird. In diesem situativen Wortwitz ist bereits viel von dem enthalten, was diesen schönen Dokumentarfilm umtreibt. Es geht um Sprechsituationen, in denen Stereotypen mit konkreter Anschauung zusammenkommen. Das geschieht aber nicht als geordneter Realitätsabgleich, sondern in einer Kaskade kleiner Sprünge und Verschiebungen, wie sie ein Gespräch ausmachen – erst recht, wenn es in einem Kreis nur flüchtig Bekannter stattfindet, und in einer Sprache, in der diese sich nicht ganz souverän fühlen.

Das "Atelier de Conversation" ist eine wöchentliche Gesprächsrunde in einer der größten Pariser Bibliotheken. Menschen, die aus verschiedensten Gründen in Paris gelandet sind, können hier miteinander ihr Französisch trainieren. Bernhard Braunstein beobachtet diese Begegnungen in meist statischen halbnahen Einstellungen. Die Gesprächsleitung bringt die großen Themen aufs Tapet – Fremdbilder, Liebe, Heimweh, Gleichberechtigung der Geschlechter. Die daraus entstehenden Unterhaltungen bauscht Braunstein nicht zur wohligen Utopie eines Über-alles-reden-könnens auf. Eher verzeichnet er mit diskreter Genauigkeit ihre Dynamiken und Bandbreiten: Wechsel von Höflichkeit zu Empathie oder Aufgebrachtheit und wieder zurück, Momente der Verständigung wie des Unverhältnisses. Die Grundversorgungsnöte eines afghanischen Asylwerbers und die Rezessions-Bewältigungsrezepte aus der Business School bleiben hart nebeneinander stehen. Einmal gehen die Rollos gleich hinter dem Sesselkreis hoch und geben den Blick frei auf den periodisch wiederkehrenden Bibliotheksalltag. Im Kämmerchen des Ateliers wird keine Gegenwelt gebaut. Aber es findet hier doch eine Art gemeinsamer Wartungsarbeit am Sozialen statt, die in einem durchsortierten Außen wenige Orte hat. (Joachim Schätz)


„Tu n’es pas seul“ – du bist nicht allein. In der Bibliothek des Centre Pompidou, einer der größten der Stadt Paris, treffen sich wöchentlich Menschen aus allen Erdteilen, um Französisch zu sprechen, sich auszutauschen. Die Regeln sind einfach: eineinhalb Stunden Diskussion, ausschließlich auf Französisch. Die Teilnehmer/innen sind so verschieden, wie es nur sein kann – Frauen und Männer unterschiedlicher Herkunft und Sprache mit auseinandergehenden Meinungen und Einstellungen. Neben Kriegsflüchtlingen sitzen Geschäftsmänner, neben unbekümmerten Student/innen politisch Verfolgte. Und doch einen sie gewisse Dinge: Sie alle wollen Französisch lernen und sich in Paris einleben, sie wollen ankommen, sich nicht mehr fremd fühlen. Viele kämpfen mit Einsamkeit, Sprachbarrieren, Heimweh.
Im Atelier, diesem kleinen, hoffnungsvollen Raum, der wie ein leicht klaustrophobisch anmutender safe space aus Glas inmitten der riesigen Bibliothek platziert ist, wird über die ganz großen Themen geredet – Politik, Heimat, Identität, Nationalität und die Liebe: „Qu’est-ce que c’est, l’amour?“ Zur Sprache kommen Klischees bezogen auf Gender und Herkunft, die Wirtschaftskrise, den Krieg. Während die Gespräche viel über die einzelnen Teilnehmer/ innen erzählen, kochen die Emotionen hoch: Mit Momenten des Bonding zwischen den Teilnehmer/ innen, gemeinsam gespendetem Trost, Gelächter, provokanten Äußerungen und Streitereien ist die Emotionspalette so vielfältig wie die Persönlichkeiten, die hier aufeinandertreffen. Das „Atelier de Conversation“ ist ein Ort, an dem soziale und kulturelle Grenzen aufgelöst werden und Menschen, die sonst wahrscheinlich niemals miteinander in Berührung kommen würden, sich auf Augenhöhe begegnen.
Die halbnahen Einstellungen fokussieren ihre Gesichter, ihre Mimik und Gestik. Die Blicke der Zuhörenden sprechen Bände, erzählen von eigenen Erinnerungen und Gefühlen, an die die Worte der gerade Sprechenden rühren. Abgekoppelt von ihrem neuen, eigentlichen Lebensumfeld – der Stadt Paris – etabliert sich ein konzentrierter Raum des Austauschs, der den leeren Hallen des Centre Pompidou in der Abendzeit sowie dem anonymen Treiben der pulsierenden Stadt Paris gegenübergestellt wird.
Nach eineinhalb Stunden leert sich auch der kleine Glaskobel wieder. Zurück bleibt ein Sesselkreis aus roten Plastikstühlen, der auf die nächste Woche wartet, auf neue französische Vokabeln, Phrasen und Anekdoten. „Ça va aller“ – das wird schon werden.
(Diagonale 2017 Katalogtext, az)

Ein Film von:
- Bernhard Braunstein

Kategorie:
- Dokumentarfilm

Orig.Spr.:
- Französisch

Available Prints:
- DCP - 2k

Preis: 250 EUR

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