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Maria Lassnig

Film Works

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Maria Lassnig (1919–2014) gilt international als eine der wichtigsten Malerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Leitmotiv ihrer Malerei, das Sichtbarmachen ihres Körperbewusstseins ("Body Awareness"), fand Anfang der 1970er Jahre in New York auch filmischen Ausdruck. Während einige dieser Arbeiten zum Lassnig-Kanon zählen (u.a. Selfportrait, Iris und Couple), blieben viele Filmwerke dieser Schaffensphase unvollendet. Ihre "Films in Progress", zugleich autobiografische Notiz und gestalterisches Experiment, in denen sich viele Sujets und Techniken aus ihrem Werk wiederfinden, wurden von zwei engen Vertrauten – Mara Mattuschka und Hans Werner Poschauko – aufgearbeitet und im Sinne ihres ursprünglichen Konzeptes sowie ihren Aufzeichnungen folgend 2018 fertiggestellt.
Dieser Band stellt das erste umfassende Verzeichnis von Lassnigs filmischer Arbeit dar und bietet durch eine große Auswahl aus ihren eigenen, bisher unveröffentlichten Notizen Einblick in die Ideenwelt der Filmemacherin. Er enthält Beiträge von James Boaden, Beatrice von Bormann, Jocelyn Miller, Stefanie Proksch-Weilguni und Isabella Reicher sowie ausführliche Gespräche zum Restaurierungsprozess.
 
Die beigelegte DVD enthält eine Auswahl der "Films in Progress".

 

Booklet
Maria Lassnig. Films in Progress INDEX-Edition DVD Cover
Maria Lassnig, New York, ca. 1969 Foto: Archiv Maria Lassnig Stiftung
Women/Artist/Filmmakers, Inc. (von links hinten nach rechts unten: Susan Brockman, Martha Edelheit, Nancy Kendall, Doris Chase, Silvianna Goldsmith, Maria Lassnig, Carolee Schneemann, Rosalind Schneider), 1976 © Bob Parent Foto: Archiv Maria Lassnig Stift
Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress 1971–75, Maria Lassnig © Maria Lassnig Stiftung
Moonlanding/Janus Head Frühe 1970er Jahre, Maria Lassnig © Maria Lassnig Stiftung
Nitsch 1972, Maria Lassnig © Maria Lassnig Stiftung
Bärbl 1974/79, Maria Lassnig © Maria Lassnig Stiftung
Alice 1974/79, Maria Lassnig © Maria Lassnig Stiftung
Maria Lassnig in Kopf Mitte 1970er Jahre, Maria Lassnig © Maria Lassnig Stiftung
Zeichnung für den Film Selfportrait (Bleistift und Filzstift auf Papier) 1971, Maria Lassnig © Maria Lassnig Stiftung
Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress 1971–75, Maria Lassnig © Maria Lassnig Stiftung
Biographie

*1919 in Kappel am Krappfeld, † 6. Mai 2014 in Wien. Diplom der Akademie der bildenden Künste Wien. Seit 1950 internationale Ausstellungen und Auszeichnungen. Mit Arnulf Rainer und Oswald Oberhuber Mitbegründung der informellen Malerei in Österreich; Begründerin der Körperkunstmalerei. Aufenthalte in Paris (1961-68) und New York (1968-1980). Seit 1970 Filme, die autodidaktisch am selbsterfundenen Werktisch (kein Tricktisch) nach eigenen Zeichnungen entstehen. Mitglied der 1974 in New York gegründeten Women/ Artist/ Filmmakers, Inc.. 1979 DAAD-Stipendium in Berlin. 1980-90 Professur für Malerei und Zeichentrickfilm an der Hochschule für angewandte Kunst Wien. 1982 Gründung des einzigen österreichischen Lehrstudios für Trickfilm. Österreichischer Staatspreis für Malerei (1988).

Rezensionen

Maria Lassnig, die Soul Sister mit Schmäh

Das Buch "Maria Lassnig. Das filmische Werk" beschäftigt sich mit den lange unterbeleuchteten Filmen der Künstlerin. Praktischerweise gleich inklusive DVD

Eine der bedeutendsten österreichischen Künstlerinnen hielt für die Nachwelt einen Schatz bereit. In ihrer Wohnung verwahrte Maria Lassnig in einer Kiste Filme, die sie in den 1970er-Jahren in New York verwirklicht hatte, bevor sie sich nach ihrer Rückkehr nach Wien hauptsächlich wieder der Malerei zugewandt hat.

Ein Geschenk, zunächst vor allem aber eine heikle Aufgabe für Kenner und Restaurateure ihres Werks. Mara Mattuschka und Hans Werner Poschauko fiel die Aufgabe zu, das lose Material – Super-8- und 16mm-Formate, einzelne Filmkader wurden teils nur mit Malerkreppband zusammengehalten – in mühevoller Arbeit zu bergen und zu rekontextualisieren.

Der Schatz, Lassnigs nunmehr titulierte "Films in Progress", wurde im New Yorker MoMA und anschließend im Österreichischen Filmmuseum präsentiert, jetzt sind die Filme auch dem neu erschienenen Buch Maria Lassnig. Das filmische Werk als DVD beigelegt. Kannte man Lassnig im filmischen Bereich als Verfechterin eines höchst eigensinnigen Animationsfilms – das Wort "Trickfilm" behagte ihr nie richtig –, mit dem sie ihre Körperstudien zu beweglichen Metamorphosen beschleunigte, so liefern diese Arbeiten das Bild einer in vielerlei Richtungen experimentierfreudigen Filmkünstlerin.

In Godfather I, II, III bewegt sie sich etwa 1974 wie ein Zaungast durch die Sets von Francis Ford Coppolas Dreh von Der Pate 2. Selbst wenn der Regisseur darin in einem bunten Wintermantel kurz wie ein narzisstischer Harlekin auftaucht, begeistert sich Lassnigs in Mehrfachbelichtungen gedrehter Film mehr für die Verwandlung von Little Italy, wo Gegenwart und filmmythologische Inszenierung zu einem Bild verwachsen.

Weiblicher Dionysos

Solche Verdichtung wird in Moonlanding/Janus Head noch radikal gesteigert. Da lässt Lassnig TV-Bilder von der US-Mondlandung, Kriegs- und Spielfilmszenen mit Eisläuferinnen, tanzenden Beinen und einer dionysischen, an Weintrauben kauenden Frauenfigur in Dialog treten – am Ende wird das Filmbild zerkratzt, als wären die Kufen darübergerast.

Lassnig ging auch deshalb nach New York, um ihre Position als Frau in der Kunst schärfen zu können. James Boaden rekonstruiert in einem der Essays des Buches den kulturgeschichtlichen Horizont der Szene, in die die Österreicherin eintrat, um ihr "Körperbewusstsein" an gegenwärtigen Verhältnissen zu messen. Der Film war das Medium der Zeit – wobei Lassnig, wie sie in einem schönen Text schreibt, improvisieren musste: ihr "Animationspult, das sind zwei Plastikbücher, auf ein Stanniolpapier gelegt; zwischen ihnen befindet sich eine längliche Glühbirne, darüber als Brücke eine Milchglasplatte".

Doch auf sich allein gestellt war sie nicht, denn es lag der Geist der Kollektivierung in der Luft. Lassnig gehörte neben Carolee Schneemann, Rosalind Schneider oder Yvonne Rainer zur feministischen Gruppe Women Artist Filmmakers, Inc., mit der man gegen die Marginalisierung von Frauen in einer Kunstszene antrat, die selbst im Underground-Bereich schon wieder patriarchale Strukturen herausbildete – rund um das Anthology Film Archive wurde eifrig an einem "Kanon des Films" gebastelt.

Lassnigs Soul Sisters-Serie, ihre so witzigen wie feinfühligen Porträts befreundeter Frauen, kann man dahingehend als Ergänzung verstehen. In Alice rückt sie etwa einer Isländerin nahe, die in New York wie ein "funkelnder Komet" eingeschlagen war. Nackt besprüht sich diese mit Wein, anschließend werden ihre vielen "boyfriends" rückblickend mit Eigenschaften versehen und als Kärtchen am Körper befestigt – denn "gut waren sie schließlich alle".

Das Buch enthält übrigens auch zahlreiche Faksimile, die Einblick in Lassnigs unrealisierte Ideen gestatten. Eine davon lautet: "Ich möchte einen Mann, den ich auf u. abdrehn kann wie TV."

Dominik Kamalzadeh, 13.2.2021, derstandard.at

DVD
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Inhalt
1
Soul Sisters Alice
1974/79
5 min
2
Autumn Thoughts
ca. 1975
2 min
3
Soul Sisters Bärbl
1974/79
5 min
4
Black Dancer
1974
1 min
5
Broadway I + II
early 1970s
2 min/1 min
6
Dog Film
mid-1970s
3 min
7
Encounter
1970
1 min
8
Godfather I + II + III
1974
5 min/3 min/2 min
9
Soul Sisters Hilde
1972/76
5 min
10
Kopf (Head)
mid-1970s
1 min
11
Moonlanding / Janus Head
early 1970s
7 min
12
Mountain Woman
mid-1970s
8 min
13
Nitsch
1972
5 min
14
The Princess and the Shepherd. A Fairytale
1976/78
13 min
15
Seasons
1970
2 min
16
Stone Lifting. A Self Portrait in Progress
1971/75
7 min

Gesamtspieldauer: 78 min

Dieser Band entstand in Kooperation und mit finanzieller Unterstützung der Maria Lassnig Stiftung, die beigelegte DVD in Zusammenarbeit mit INDEX-Edition.

Maria Lassnig. Das filmische Werk
Hg. Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch, Hans Werner Poschauko
Redaktionelle Mitarbeit: Isabella Reicher
FilmmuseumSynemaPublikationen
192 Seiten, in deutscher Sprache
ISBN 978-3-901644-85-6

Auszug aus dem Vorwort der Herausgeber*innen

Im Mai 1979 zeigte das Österreichische Filmmuseum – zum ersten und für vier Jahrzehnte auch zum letzten Mal – ein Programm mit Maria Lassnigs „Zeichentrickfilmen“. Ins „Unsichtbare Kino“ hatte sie es über einen Umweg geschafft: Das internationale Forum des jungen Films zeigte während der Berlinale diese sieben Filme (damals gehörten insgesamt neun zum bekannten filmischen Gesamtwerk) und danach eben auch in Wien.
Dieser Umstand ist bezeichnend für die geringe Aufmerksamkeit, die Lassnigs in den 1970ern in New York entstandenem filmischen Œuvre zu Lebzeiten über weite Strecken zukam – selbst nachdem sie sich als Malerin ab den 1980ern weltweit etablieren konnte.
Woran lag das? Zum einen hat das zweifellos viel mit Lassnigs Neigung zu tun, sich selbst regelmäßig radikal neu zu positionieren und damit zugleich eine Auseinandersetzung mit spezifischen Formen, Farben oder Ausdrucksmitteln für sich als erledigt zu betrachten. Mit Ende ihrer New Yorker Werkphase vollzieht sie nicht nur einen Schwenk weg vom (Animations-)Film als wichtigem Ausdrucks- und Gestaltungsmedium; auch lässt sie die mannigfaltigen Lebens- und Arbeitskontexte dieser Zeit, von der Kulturarbeit im Kollektiv bis zum politischen Feminismus, hinter sich.

So landeten die Filme, bis auf eine Rolle der „kanonischen“, das heißt zu Lebzeiten regulär vertriebenen (und seit den 2000ern auch wieder vermehrt rezipierten) Werke, buchstäblich am Dachboden. Erst nach ihrem Tode im Jahr 2014 sollten die Maria Lassnig Stiftung und ihre ehemaligen Schüler*innen Mara Mattuschka und Hans Werner Poschauko diesen filmischen Nachlass öffnen, restaurieren und ausstellen. Wie es dazu kam, und was das für ihre Neubewertung als Filmkünstlerin bedeutet, wird in dieser Publikation erstmals umfassend dokumentiert.

Nebst biografischen Aspekten führten auch andere Faktoren dazu, dass Lassnigs Filmschaffen vor allem in Österreich wenig beachtet blieb. Als Emigrantin und Remigrantin war sie beinahe zwei Jahrzehnte lang nicht Teil der Wiener Kulturszene. Als Filmemacherin war sie beinahe ausschließlich in den USA tätig. Und auch dort fand ihre Arbeit abseits der in Österreich stark rezipierten Bewegung des „New American Cinema“ und des „structural film“ statt; hinzu kommen eine systematische Geringschätzung weiblicher Filmschaffender und die noch bis in die 1990er Jahre stiefmütterliche Behandlung des Animationsfilms.

Die Restaurierung der Filme, deren Präsentation in Museen, Cinemathequen und bei Festivals weltweit sowie die Publikation dieses Bandes mit DVD-Beilage möchten dem entgegensteuern.

Doch Lassnigs Filmarbeit ist, wie die hier publizierten Essays von James Boaden und Stefanie Proksch-Weilguni sowie die Film- und Projektbeschreibungen von Beatrice von Bormann, Jocelyn Miller und Isabella Reicher verdeutlichen, nicht bloße „Malerei in der Zeit“. Ihr Werk reflektiert ihre Auseinandersetzung mit dem Medium, seiner Geschichte und seinen Erzähltechniken, vom Hollywoodkino über den unabhängigen US-Film zum Animationsfilm und bis hin zum Fernsehen. Und auch ästhetisch verweigert Lassnig jedwede Orthodoxie. Ähnlich wie in Zeichnung und Malerei, macht sie sich eine Vielzahl an gestalterischen Techniken zu eigen und exerziert sie durch: vom „handpainted film“ zum Legetrick, von der Studioaufnahme zur dokumentarischen Handkameraführung; sie arrangiert komplexe Doppelbelichtungen in der Kamera, benutzt die optische Bank, und reichert die dabei entstehenden Bilderwelten mit Tonspuren an, die von Voiceover-Erzählung über elektronische Klangerzeugung bis zu Tonbandexperimenten reichen. Damit durchbricht sie – als Frau, als eine Fremde („an alien“) sowohl in der Filmszene als auch im Amerika der 1970er Jahre – bestehende Kategorien und Zuordnungen.
(Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch, Hans Werner Poschauko)