Besucher einer mir vertrauten Vergangenheit

In einem Merian-Reisemagazin über Rumänien aus dem Jahr 1966 entdecke ich, neben vielen lobenden Beiträgen, doch auch einen regimekritischen Artikel. Dies bewegt mich 8mm Urlaubsfilme aus den 70er Jahren zu sichten. Beim ersten Blick scheinen die ausländischen Touristen ungetrübt den Empfehlungen des Merian-Magazins zu folgen. Nach einer zweiten Sichtung erkenne ich jedoch, andeutungsweise, Bruchteile einer mir vertrauten Vergangenheit wieder. (Gabriel Tempea)


Der Autor György Sebestyén, der nach der Niederschlagung des Ungarnaufstandes von 1956 nach Österreich emigriert war, verfasste 1966 für ein Merian-Heft über „Bukarest und die rumänische Schwarzmeerküste“ eine Reisereportage in Form von fünf Porträts. Eines davon widmete er M.G., die dem Gast offiziell als Dolmetscherin und dem Staat insgeheim als Aufpasserin diente. „Ihre Weichselkirschaugen sind Kummer gewöhnt und gerade deshalb gierig nach Freude“, trenzt der Text anzüglich als wär‘s ein Dialog für einen James-Bond-Film. „Ihre Finger können genauso gut streicheln wie falsche Geständnisse aufs Papier bringen.“

Wichtiger als die Textanalyse ist dem Filmemacher Gabriel Tempea die Bildanalyse. Für Besucher einer mir vertrauten Vergangenheit sichtete er (abgesehen vom Merian-Heft) vor allem Urlaubsfilme, mit denen Touristen in den 1970er-Jahren ihre Reise nach Rumänien festhielten. Zunächst werden die Sehenswürdigkeiten abgefilmt, man sieht das Athenäum, Aufnahmen des Donaudeltas und archäologischer Ausgrabungsstätten, danach Eindrücke von der Küste und von Volkstänzen. Alles wie im Reiseführer. Erst beim genauen Hinschauen, so der Found-Footage-Filmer, wurde er noch anderer, gewissermaßen dissidenter Bilder gewahr, die auch etwas vom Alltag in der Ceausescu-Diktatur preisgeben: eine nächtliche Straße, in der kein einziges Licht brennt, Schlangen wartender Menschen vor den Geschäften, ein Aufmarsch der Miliz am Denkmal des unbekannten Soldaten und zuletzt die kaputte Windschutzscheibe eines Busses, die in Tempeas gewitzter Lesart zum Vorzeichen kommender Veränderungen wird: „bereits eingeschlagen – aber nur am Rande“!

Quasi den Rahmen zu dieser Relektüre anonymer Reisefilme bildet die Aufnahme eines Mannes, der mit Sonnenbrille und nacktem Oberkörper am Strand sitzt, hinter sich das Meer und vor sich eine Flasche schon abgestandenen Biers. Da hilft nur kräftig schütteln, bis es wieder schäumt. Eben das hat Gabriel Tempea mit den 8mm-Fundstücken gemacht. (Michael Omasta)

Orig. Titel
Besucher einer mir vertrauten Vergangenheit
Jahr
2021
Land
Österreich
Länge
6 min
Kategorie
Dokumentarfilm, Experimental
Orig. Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
Credits
Regie
Gabriel Tempea
Drehbuch
Gabriel Tempea
Schnitt
Gabriel Tempea
Verfügbare Formate
DCP 2K flat (Distributionskopie)
Bildformat
16:9
Bildfrequenz
24 fps
Farbformat
Farbe
Digital File (prores, h264)
Festivals (Auswahl)
2022
Porto - Post Porto Doc
Nijmegen - Go Short Film Festival
Wien - VIS Vienna Shorts
Graz - Diagonale, Festival des österreichischen Films