Zwischen Himmel und Meer
Die Home Movie-Bilder sind voller Leben und Fülle. Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins, Drachenbäume und Wolfsmilchgewächse, das Meer und der Himmel, Feste, Essen, Tänze, Farben, und als zentrale Figur: der Vater. Karg und lückenhaft nimmt sich dagegen der Erinnerungsraum der Filmemacherin Cristina Yurena Zerr Sarmiento aus. An diesem Ort ist es oft einsam, und die pulsierende Gegenwart, von der die Super-8- und Videoaufnahmen zeugen, ist spürbar abwesend.
Sarmiento hat die ersten vier Lebensjahre in Gran Canaria verbracht, eine Zeit, die sich nur unvollständig durch innere Bilder abrufen lässt. Mit den Jahren ist die zerklüftete Insel im Atlantik zum Sehnsuchtsort angewachsen und „Papi“ zur Sehnsuchtsfigur. Dabei ist auch der Mann, der auf den Bewegtbildern inmitten seiner zahlreichen Geschwister so lebensumarmend und zugewandt wirkt, inzwischen ein anderer.
Zwischen Himmel und Meer ist Sarmientos Versuch, die Verluste, die die Trennung von ihrem Vater und die Übersiedelung nach Deutschland auslösten, zu ergründen und die abgerissenen Verbindungen wieder aufzunehmen. In seinem Haus auf der Insel durchforstet sie behutsam das umfangreiche Archiv ihrer Familie, die über Generationen von der Landarbeit lebte und zeitweise gezwungen war, als Arbeitsmigranten auf den Zuckerrohrplantagen Kubas ihr Geld zu verdienen. Während sich die verstreuten Fragmente Stück für Stück zusammensetzen, driften Bild gewordene Vergangenheit, Wunschvorstellung und Wirklichkeit oftmals auseinander. Sarmiento begegnet einem Mann, der sich in den Jahren der Franco-Diktatur in ferne Reisen und Spiritualismus flüchtete und auch auf die Trennung von seinen Kindern mit innerem Rückzug antwortete. Heimisch fühlt sich der Vater heute vor allem in der virtuellen Welt und in der Realität alternativer Fakten – eine Herausforderung für Tochter wie Filmemacherin. Sarmiento sucht und findet andere Wege des Zugangs und begreift, dass Annäherung und beiderseitiges Verständnis mehr als alles andere bedeutet, den Menschen zu sehen und anzunehmen in seiner gegenwärtigen Existenz. (Esther Buss)
Zwischen Himmel und Meer
2026
Österreich, Spanien
82 min
Dokumentarfilm
Deutsch, Spanisch
Englisch