Schlund
Ein ominöses Bild eröffnet diesen Film: Es regnet Holzreste auf einen Burschen mit geschorenem Kopf, der sich mit erhobenem Arm dagegen zu schützen versucht; das Prasseln der herabfallenden Chips mischt sich in den anschwellenden Lärm der Sägemaschinen. Schnitt in den dunklen Wald eines Computerspiels, in dem ein Forstfahrzeug das andere verfolgt; die telefonisch entrückte Stimme eines Kindes verständigt sich mit seinem Spielpartner, aus dessen Augen wir auf die imaginäre Szenerie blicken.
In 12 kurzen Szenen protokolliert Regisseur und Co-Autor Elias Rauchenberger Alltag und Einsamkeit eines jungen Ukrainers, der sich als Geflüchteter wie ein Phantom durch Wien bewegt. Schlund nimmt das Leben zwischen zwei Welten ins Visier: An der Mutter und seiner kleinen Schwester, die der Protagonist zurücklassen musste, hängt er mit einer Sehnsucht, die ihm das Ankommen in der Stadt, in der er nunmehr lebt, verwehrt.
Als Gelegenheitsarbeiter und Asylnehmer geistert er durch Tiefgaragen und verordnete Sprachkurse; die leere Zeit, die ihm bleibt, schlägt er an irgendeinem See, auf Rolltreppen, in Straßenbahnen und an den Wänden eines Flakturms tot. Einen Freund greift er nachts am Rande einer dicht befahrenen Stadtstraße an, mit der Aggression der Verzweiflung: Die Attacke verwandelt sich in eine fieberhafte Umarmung.
Rauchenbergers Inszenierung tendiert, in aller Ruhe, zu Beengung und Dunkelheit – und zur Überblendung von innerer und äußerer Wirklichkeit: Wie ein sterbendes Tier wälzt sich der umgekippte virtuelle Raupenbagger der Schwester durch das nächtliche Gaming-Gehölz, um im Finale jäh in ein reales Bild übersetzt zu kippen. Ein Kind blickt aus der Kabine eines kreisenden Fahrzeugs auf die Holzstapel in einem Sägewerk: entwurzelt, geschnitten, transportabel gemacht. (Stefan Grissemann)
Schlund
2026
Österreich
11 min
Kurzfilm
Ukrainisch, Deutsch, Englisch
Englisch