Musik

Schonungslos direkt sagt die Tochter im Teenageralter, was sie von ihrem Vater hält: Er sei ein „Opfer“ (und das ist ein Schimpfwort), weil er immer noch in dem mit Schulden belasteten Eigenheim lebt, aus dem die restliche Familie längst ausgezogen ist. Und er ist ihr peinlich, weil er niemals Dinge sagt (oder gar tut), mit denen man vor den Freundinnen Eindruck schinden könnte.

In Wahrheit hat Stefan Bohun mit seinem Helden eine besonders spannende Figur erfunden. Sie erschließt sich nämlich keineswegs rasch, verfügt über ungeahnte Tiefen und ist für Überraschungen gut. Diese löst auch die Regie wiederholt in originell die Tonart wechselnden Anschlüssen ein.

Zunächst zeigt Musik den von David Oberkogler so treffend widerspenstig-entrückt verkörperten Protagonisten bei der Arbeit – wie er mit ungerührter Miene Substandard-Wohnungen überprüft. Erst später zeigt sich, dass der beharrliche Beamte eigentlich von einem anderen Leben träumt. „Irgendetwas mit Musik“ würde er gern tun, sagt er und wirkt dabei im genau richtigen Maße lächerlich, um noch Empathie hervorzurufen. Die Selbstwahrnehmung des Helden und das Milieu, in das ihn der Film verwurzelt, wollen nicht so richtig zusammenpassen.

Und doch gibt es in Bohuns lakonischem, milde sarkastischen Blick auf die Lebensnot des geschiedenen Mannes ein Moment des leisen Überschwangs – eine Art versteckte Hintertür. So unbeweglich die Einstellungen anmuten – so bleiern die Umstände, in denen sich der bedauernswerte Mann befindet – wirkt Musik doch niemals miserabilistisch. Die Möglichkeiten liegen im imaginären Bereich: in der Weigerung, sich dem Blick der anderen zu überlassen, in einer plötzlichen, unerwarteten Hinwendung. Bohun deutet all das wiederholt in eindringlichen Bildern an, die die Schwerkraft momenthaft aufheben. Dass Perspektivwechsel über die Qualität eines Augenblicks entscheiden, dies demonstriert der Film eindrucksvoll selbst.
(Dominik Kamalzadeh)

Orig. Titel
Musik
Jahr
2014
Land
Austria
Länge
38 min
Regie
Stefan Bohun
Kategorie
Kurzspielfilm
Orig. Sprache
Deutsch
Downloads
Musik (Bild)
Credits
Regie
Stefan Bohun
Drehbuch
Stefan Bohun
Kamera
Klemens Hufnagl
Schnitt
Christoph Loidl
Ton
Hjalti Bager-Jonathansson
Sound Design
Bernd Dormayer, Martin Lang
DarstellerIn
Lilo Hohenberger, Pia Sekerlioglu, Anna Suk, David Oberkogler
Ausstattung
Mira König, Julia Oberndorfinger
Kostüme
Veronika Harb
ProduzentIn
Philipp Grandits, David Bohun
Mit Unterstützung von
Land Salzburg, Wien Kultur, VAM, Land Niederösterreich
Verfügbare Formate
Digital File (prores, h264) (Distributionskopie)
Bildformat
16:9
Tonformat
Stereo
Farbformat
Farbe
DCP 2K (Distributionskopie)
Bildformat
16:9
Tonformat
Dolby Surround
Bildfrequenz
24 fps
Farbformat
Farbe
Festivals (Auswahl)
2014
Graz - Diagonale, Festival des Österreichischen Films (Bester Kurzspielfilm)
First Steps Awards - Der deutsche Nachwuchspreis (Preis für Besten mittellangen Film)
2015
Saarbrücken - Filmfestival Max Ophüls Preis
Nijmegen - Go Short Film Festival
Cork - IndieCork Film Festival