distortion

Rückblickend nennt Hans Richter 1949 distortion – Verzerrung, Entstellung, Verdrehung – als ein wesentliches Element im Köcher der historischen Film-Avantgarden. Das Interesse der kommerziellen Filmproduktion an solchen Effekten sei enden wollend gewesen: "Keines dieser ´poetischen Verfremdungsverfahren´ war urheberrechtlich geschützt; die Filmindustrie hat sie trotzdem nicht angerührt." (1) In distortion kehrt die Bildverzerrung fulminant wieder, und zwar ausgerechnet als kommerzielles Copyright-Instrument. Materialbasis des Videos sind DVD-Kompilationen von (großteils kanonischen) experimentellen, ephemeren und Animationsfilmen. Deren Kopierschutz-Enkodierung erzeugt beim Vervielfältigen digitale Artefakte, die nun Bildfindungen von Duchamp, Léger oder Lye – je nach Blickwinkel – entweder schlicht verstümmeln oder aber in eine Entstaltung zweiter Ordnung überführen: Lippen verrutschen, Fehlfarben blitzen, Oberflächen schillern, ein Büffel zerstäubt.


Die innere Dramaturgie des Videos führt von der schieren Abstraktion (Kleckse vs. Pixelgestöber) zur Gegenständlichkeit von Gesicht, Körper, Landschaft, über die das digitale Eigenleben eine wabernde zweite Haut spannt. Die Störsignale, wie sie beim alltäglichen Videofile-Konsum gewöhnlich korrupte Dateien oder überarbeitete Rechner anzeigen, versetzen Nsiahs rhythmische Montage und Billy Roisz´ aus dem Bildmaterial destilliertes, fein moduliertes Tonspurrauschen zurück ins Labor der Avantgarden. Dort bedeutete das Spiel mit Überforderungen Befragung des (medientechnisch wie perzeptuell) Gegebenen und Entwurf des Neuen. Dass gerade Werke der Filmavantgarde auf DVD ihre apparative Arbeitsgrundlage (16-24 Einzelkader pro Sekunde) verlieren, gibt der Geste erst ihre durchtriebene Ironie. Die letzte Einstellung von distortion, ein Landschaftsbild, gibt den Wechsel zur digitalen Laufbildprozessierung als Horizontverschiebung zu sehen. (Joachim Schätz)


(1) Hans Richter: The Avant-Garde Film Seen from Within. – In: Hollywood Quarterly, Heft 4, Herbst 1949. S. 37.

Orig. Titel
distortion
Jahr
2016
Land
Austria
Länge
5 min
Regie
Lydia Nsiah
Kategorie
Experimental
Orig. Sprache
Kein Dialog
Downloads
distortion (Bild)
Credits
Regie
Lydia Nsiah
Konzept & Realisation
Lydia Nsiah
Sound
Billy Roisz
Mit Unterstützung von
Wien Kultur MA 7, BKA - innovative film
Verfügbare Formate
DCP 2K
Bildformat
4:3
Tonformat
Stereo
Bildfrequenz
25 fps
Farbformat
Farbe, s/w
Festivals (Auswahl)
2016
Graz - Diagonale, Festival des Österreichischen Films
Wroclaw - New Horizons Festival
München - UnderDox, Festival für Dokument und Experiment
Victoria - Antimatter Underground Film Festival
Lausanne LUFF Underground Film Festival
Cork - Int. Film Festival
Belgrade - Alternative Film/Video Festival
2017
Vila do Conde - Festival Internacional de Curtas-Metragens
Santiago de Compostela - Curtocircuito
Marienbad International Film Festival