Heavy Metal Detox

Josef Dabernigs Filme sind immer höchst ausgeklügelt, basieren auf akribisch ins Detail gehenden Drehbüchern. In einer selbstreflexiven Bewegung gilt seine Aufmerksamkeit aber auch der mechanischen Seite des Lebens mit seinen absurd definierten Elementen. In den Filmen legen dann Verkehrsregeln und Spielautomaten, Putzroutinen oder monotone Fitnessübungen den zutiefst komischen Charakter unserer Existenz offen – in ironischer Übereinstimmung mit Henri Bergsons Theorie des Mechanischen als Ursprung des Komischen. In Heavy Metal Detox sind die Zahnarztbohrmaschine und eine hoch präzise Abfolge medizinischer Prozeduren solche komischen Elemente, allerdings mit einer wichtigen Wendung: Der Künstler selbst unterzieht sich der Behandlung, was auch bedeutet, dass er die Kontrolle abgeben muss. Nicht komplett (der Film ist sorgfältig montiert), aber doch genug um jene Demut zu evozieren, welche Menschen befällt, wenn sie sich mit einer höheren Macht konfrontiert sehen, die hier der (all-)mächtige Zahnarzt ist. Dessen Perspektive (Normalsterblichen unbekannt, außer sie sind selbst Dentisten) ist es primär, aus der wir den Film sehen.

Die Behandlung wiederum hängt mit Dabernigs damaligem Gesundheitszustand zusammen, der es im betreffenden Jahr notwendig machte, alle Amalgamfüllungen auszuwechseln. Der menschliche Körper erhält also neue Ersatzteile, er wird repariert wie eine Maschine, upgedated wie eine Software. Und zugleich wird der Körper von Krankheitsrückständen befreit. Herzstück vieler Dabernig-Filme ist ja genau die Moderne Dialektik des "Gereinigten" und des "Unreinen" (das wir auch das Reale nennen könnten). Nie jedoch gibt er dabei die Ungelenkheit des Realen zugunsten einer künstlerischen Perfektion des Reinen auf – in seinen Filmen streiten und strampeln sich diese beiden vielmehr auf wahnsinnig komische Weise ab. Wie etwa im vorliegenden Film, wo die Orgelmusik von Christoph Herndler die Handlung "überhöht", sich aber subtil mit original Baustellengeräusch, wie Kompressoren und Bohrern vermischt. (Ekaterina Degot)

Übersetzung aus dem Englischen: Isabella Reicher

Weitere Texte

Viennale Katalogtext 2019

Beim Titel könnte man ja ans Chillen nach einem heftigen Rockkonzert denken, doch bezieht er sich auf toxische Schwermetalle im Mund. Wenn Dabernig zum Zahnarzt muss, wird daraus ein Schwarzweißfilm, und es wäre nicht Dabernig, hätte dieser nicht auch quasi liturgische Qualitäten. Will heißen: So hat man eine Zahnarzt-Behandlung noch nie gesehen und v.a. noch nie gehört (Musik: Christoph Herndler, Sounddesign: Michael Palm). Dass mit Dentist Dr. Schintlmeister ein Kapazunder seines Fachs die zweite Hauptrolle spielt, weiß der Autor dieses Textes übrigens aus eigener Erfahrung. (Roman Scheiber)

Viennale catalogue text 2019

Although films by Blake Edwards or John Cassavetes use dentistry as the basis for black comedy, they lack something: the camera is never close enough to really study the process. Placing himself in the frame as the anaesthetized subject, Dabernig trusts his crew to record everything in pure black-and-white: drills, wires, pipes, clamps, drool, blood, floss. No abstract poetry as in Brakhage’s autopsy film; only a calm soundtrack of synthesized tones and buzzing machines. As often in Dabernig’s multimedia work, social obedience squares of with the strange ecstasy of abandoning oneself to fate. (Adrian Martin)
Orig. Titel
Heavy Metal Detox
Jahr
2019
Land
Österreich
Länge
12 min
Kategorie
Experimental, Dokumentarfilm
Orig. Sprache
kein Dialog
Downloads
Credits
Regie
Josef Dabernig
Drehbuch
Josef Dabernig
Kamera
Christian Giesser
Musik
Christoph Herndler
Schnitt
Josef Dabernig
Sound Design
Michael Palm
Darsteller*in
Josef Dabernig, Josef Schintlmeister, Cornelia Schintlmeister, Kristina Balcanovic
Produktion
Josef Dabernig
Mit Unterstützung von
Wien Kultur, BKA - innovative film
Verfügbare Formate
DCP 2K flat (Distributionskopie)
Bildformat
1:1,85
Tonformat
Dolby 5.1.
Bildfrequenz
25 fps
Farbformat
s/w
35 mm (Distributionskopie)
Bildformat
1:1,85
Tonformat
Dolby 5.1.
Bildfrequenz
25 fps
Farbformat
s/w
Festivals (Auswahl)
2019
Toronto - Int. Film Festival/ Wavelengths
Viennale - Vienna Int. Film Festival
2020
Wiesbaden - exground on screen
Oberhausen - Int. Kurzfilmtage
Graz - Diagonale, Festival des österreichischen Films