Mit Ästen bis zum Himmel

An einer Schule in Wien lernen Kinder und Jugendliche mit Blindheit oder Seheinschränkung durch Hören und Fühlen. Mit besonderer Aufmerksamkeit für den Ton erkundet Katharina Copony deren Welt und öffnet den Film zu einem Raum sensorischer Erfahrung. Beim Schreiben, Dichten und Fußballspielen, auf Wegen durch das Institut und den öffentlichen Raum treten Klänge, Musik, Rhythmen und Materialitäten ins Zentrum unserer Wahrnehmung. Ein Film über Verbindungen: von Bild und Ton, von Ab- und Anwesenheit, von Ich, Gemeinschaft und Welt. (Diagonale 2026)

Klicklaute tönen zart aus geneigten Köpfen. Im Stiegenhaus faltet sich ein Echoraum auf. Hände streichen zart über Blätter. Ließen sich auch die Blätter der Bäume mit Kugelschreibern bemalen? Weitere Fragen, die ein sorgfältiges Abtasten der Welt ermöglichen: Welche Farbe hat eine Erinnerung? Warum klingt ein Straußenei wie eine Lampe, dafür ein Taubenei wie ein Stein?

Sensorische Erfahrungen aus einer Welt voller Oberflächen und Geräusche, Bewegungen und sich verändernder Lichtverhältnisse fließen ineinander. Kinder und Jugendliche gehen diesen konkreten Eindrücken nach, mitunter durchziehen Erinnerungen an Träume die Wahrnehmung des Moments. „Im Traum gibt es für mich keinen Geruch, da gibt es einfach nichts. Räume gibt es schon. Hell und Dunkel kann ich im Traum unterscheiden. Ich träume meist das, was ich am Tag denke.“

Mit Ästen bis zum Himmel folgt dem Lernalltag junger Menschen mit Blindheit oder Seheinschränkung, deren Erfahrungshorizont weit über Brailleschrift und Langstöcke hinaus geht. Dabei gestaltet sich dieser feinfühlige Dokumentarfilm keineswegs zu einer Erzählung über Hindernisse und Unmöglichkeiten. Katharina Copony fokussiert vielmehr die vielfältigen Möglichkeiten, mit der Welt in Bezug zu treten, durch diese zu navigieren und sich darin zu verorten: Neugierige Manöver entlang von Musik, Lyrik, Körperkontakt, Sport, Klicksonar und nicht zuletzt Freund*innenschaft.

Das Verhältnis von Bild und Ton ordnet Mit Ästen bis zum Himmel dabei nie mit dem Ziel, eine (sowieso unmögliche) Nachempfindbarkeit zu erzeugen: Montage und Tonarbeit betonen visuelle und akustische Empfindungen in ihren Besonderheiten – deren Beziehung zueinander lotet der Film spielerisch neu aus. Ein Anstoß, nicht nur neue Ausdrucksformen zu finden, sondern den Kopf für die vielen Wege des Worldbuildings freizumachen: „In meinen Träumen wird sehr viel, was bald passieren wird, verändert.“ (Lisa Heuschober)


 


„Oft folge ich einem Ton, ehe mir noch ein Bild in den Sinn kommt. […] Meine Augen kann ich schließen, meine Ohren nicht“, schreibt Katharina Copony 2019 in ihrem Vortrag "Aus der Tonspur". Die intensive Beschäftigung mit dem Ton im Film, dem Verhältnis von Hörbarem und Sichtbarem, von Innen und Außen, führte die Filmemacherin an eine Schule in Wien. Kinder und Jugendliche mit Blindheit oder Seheinschränkung lernen dort vornehmlich durch das Hören und Tasten. An ihrer Seite erkundet der Film ihre Welt: die Materialität von Filz, Herbstblatt und Bärenfell, der Klang eines Straußeneis, Echoräume von Fahrstuhl und Treppenhaus, die Rhythmen einer Punktschriftmaschine, der Geruch eines Supermarkts.

Zugewandt folgt der Film den Kindern beim Lesen, Schreiben, Musizieren, Schachspiel und Fußball und begleitet sie auf ihren Wegen durch taktile Räumlichkeiten, unterwegs im Institut und in öffentlichen Räumen, mit Langstock, Klicksonar, Hund und sprechender Brille.

Anders als im Institutionenporträt steht nicht das Zusammenspiel von Strukturen und Zuständigkeiten im Zentrum, sondern die Lernenden und mit ihnen ein Raum sensorischer Erfahrung. Dabei geben die präzisen Bilder der schwer fassbaren Beschaffenheit des Auditiven erst einen Rahmen. Mit Ästen bis zum Himmel ist auch ein Film über Verbindungen: von Bild und Ton, Ab- und Anwesenheit, Ich, Gemeinschaft und Welt. Einmal kommt eine ferne Erinnerung an das Blau des Meeres zur Sprache. Und während wir die Gedichte der Kinder in Brailleschrift lesen oder vielmehr betrachten, hören wir aus dem Off ihre Stimmen. Ihr Nachklang geht über den Film hinaus. (Esther Buss für die Diagonale 2026)

Orig. Titel
Mit Ästen bis zum Himmel
Jahr
2026
Land
Österreich
Länge
86 min
Kategorie
Dokumentarfilm
Orig. Sprache
Deutsch, Englisch
Untertitel
Englisch
Credits
Regie
Katharina Copony
Drehbuch
Katharina Copony
Kamera
Stefan Neuberger
Schnitt
Bettina Blickwede
Sound Design
Peter Kutin
Produktion
KGP Filmproduktion
Produzent*in
Barbara Pichler, Gabriele Kranzelbinder
Mit Unterstützung von
BMWKMS Abteilung Film, Stadt Wien Kultur, Land Steiermark Kultur
Originalton
Johannes Schmelzer-Ziringer, Christi Iorga
Verfügbare Formate
Festivals (Auswahl)
2026
Graz - Diagonale, Festival des österreichischen Films (Beste Bildgestaltung, Beste Montage und Bestes Sounddesign in einem Dokumentarfilm)